Luzide Träume
Ralf war es so leid immer in ein und dem selben Traum aufzuwachen. Jeden Tag erwachte er hier. In seinem Traum bescherte ihm der schrille, laute Ton eines Radioweckers Herzschmerz. „Das kann nicht wahr sein“, murmelte er benommen. „Schon wieder dieser Alptraum.“ Völlig daneben schlug er die Bettdecke zurück und setzte sich auf.
„Ralf! Bist du wach? Hallo, Ralf!“ Da war sie wieder, diese süffisante, fordernde, tonlose Stimme. Eine Stimme, die, wenn er seine Augen erneut aufschlug, noch folternde Qualitäten hatte.
„Ja, ja“, murmelte er angewidert. „Ich komme schon. „Ich komme, ja ich komme!“, schrie er wütend und stieg aus dem Bett. „Ich dusche erst, hast du das kapiert?!“, schrie er noch wütender.
„Wasser, Seife, Handtuch, alles echt“, seufzte er schwer. „Warum sind Träume nur so verdammt real?“ Ein letzter mitleidiger Blick streifte den Spiegel, dann machte er sich auf und trabte nach unten.
„Hi“, flüsterte er und setzte sich an den Küchentisch. Die Frau goss ihm Kaffee ein und betrachtete ihn kritisch. „Möchte nur mal wissen, was mit dir los ist?“, sagte sie zur Begrüßung. „Jeden Tag das gleiche Theater. Ich schaffe es sogar ohne Wecker, stell dir das mal vor.“
Ralf nippte an seiner Tasse und begutachtete die Frau, die vorgab seine zu sein, argwöhnisch. Was sollte das Affentheater? Warum konnte er so klar denken und fühlen? Und warum lief alles in ein und den selben Bahnen ab? Ein luzider Traum würde es nicht sein, denn er konnte ihn nicht lenken, nichts einfügen, keine anderen Rollen vergeben. Sie trug einen weißen Morgenmantel und hatte ihr Haar hochgesteckt.Ungewaschen und normal sah sie aus. Aber nicht liebenswert für ihn. Der Ansatz ihres blonden Haares ließ erkennen, dass sie Brünett war. Ihre Figur war schlank, aber ihr Busen eine Nummer zu groß für seinen Geschmack. Er betrachtete sie jeden Tag dieses beschissenen Traumes und sie sah immer gleich aus.
„Was guckst du denn so?“, fragte sie ihn beleidigt. „Du siehst morgens auch nicht besser aus. Außerdem musst du Florian zur Schule fahren. Ich schaffe das heute nicht, mir ist übel.“
Florian, ja, diesen kleinen Kerl mochte er irgendwie. Er dachte oft an ihn, wenn er sich in der Realität aufhielt. Vermisste ihn sogar. Aber ihre Stimme, die vermisste er nicht. Und doch tat sie ihm leid. Warum nur?
„Ok, wo ist er denn?“, fragte er unvermittelt. Sie sah ihn entgeistert an und schüttelte den Kopf. „Du weißt nicht mehr, dass dein Sohn bei deiner Mutter übernachtet hat?“, fragte sie ihn tonlos. „Hallo, du spinnst! Nur der Teufel kann wissen, was in deinem leeren Hirn vorgeht. Hole ihn einfach ab und bring ihn zur Schule. Mehr verlange ich nicht von dir. Den Rest erledige ich.“
Ganz vage schob sich das Bild eines Hauses vor seine Augen und er erinnerte sich o es stand. In einem anderen beschissenen Traum war er schon mal dort gewesen. „Ok, wird erledigt“, sagte er ohne Reue und griff nach seinem Mantel. Ohne Kuss und Gruß verließ er das Haus.
Warum nahm dieser Traum kein Ende? Gute Frage, nächste Frage. Sollte er aus diesem Traum lernen? Wenn ja, was. Er wusste es nicht, aber er vermisste sein buntes Leben. Dieses Leben, dass sich jeden Tag selbst gestaltete, weil er Einfluss darauf hatte. Er ließ es nicht gestalten, denn er war sein eigener Regisseur. Was ihn gleich erwartete, war ein eintöniger Schreibtischjob. Kollegen die ihre Wochenenden in allen Einzelheiten noch einmal durchlebten. Diskussionen über Politik, Gott und die Welt. Niemand wollte so leben wie es abverlangt wurde und doch taten sie es alle. Außerdem kannte er eine Menge von ihnen aus anderen Träumen. Hölle! Ja, es war ein Höllentraum.
Florian wartete schon vor dem Haus und winkte aufgeregt als er ihn sah. Dieser kleine Kerl mit schwarzen Haaren und treuen braunen Augen, ließ ihn für Minuten Glück verspüren.
„Hallo, Papa!“, rief Flo laut. „Ich dachte du hast mich vergessen.“ Ralf schluckte. „Dich vergessen? Niemals,“ antwortete er und streichelte Florians Haar. „Komm, steig ein.“ Eine Frau stand in der Tür und nickte ihm zu. „Sagst du Oma nicht Hallo?“, fragte Florian traurig. Also hob er seine Hand und winkte der älteren Frau lächelnd zu. „Wenig Zeit heute“, log er. „Wir müssen uns beeilen. Oma versteht das schon.“ Florian nickte verständnisvoll. „Ok, sie hat sowieso keine Zeit“, antwortete er. „Sie muss zum Arzt.“ Ralf warf der Frau noch einen Blick zu und eine leise Wehmut ergriff ihn. Aber nur ganz kurz. Er beobachtete Florian aufmerksam im Rückspiegel und suchte nach Ähnlichkeiten. Nur die Gestik, stellte er fest. Mehr nicht. Auch gleicht er ihr nicht. Komisch, komisch. Er gleicht niemanden. Wenn ich aufwache fehlt er mir immer sehr. Auch das ist mehr als komisch.
„So, wir sind da!“, rief er betont munter nach hinten. „Mama holt dich ab!“
Florian sprang von seinem Rücksitz und steckte den Kopf durch das Seitenfenster. „Alles klar.“ Dann stürmte er davon.
Sein Büro war ihm vertraut und doch so unvertraut. Er wünschte sich aufzuwachen, damit dieser Horror ein Ende nahm. Aber noch war es nicht so weit. Er verrichtete eine Arbeit die ihm nichts sagte und brachte. Scherzte mit Kollegen die er kannte und doch nicht kannte. Hörte sich ihre Litaneien von einem besseren Leben an und verzweifelte an ihnen. Ihr könnt alles haben, schrie es in ihm. Holt es euch. Kämpft und fordert oder haltet euren Mund. Es klopfte an seine Tür.
„Darf ich eintreten?“, piepste eine weibliche Stimme. Ralf nickte und musterte die Frau. Sie trug ein enges weißes Kostüm, stand lächelnd in der Tür und strahlte ihn an. Schwarzes, kurzes Haar umrahmte ein hübsches Gesicht und zwei gierige Augen hefteten sich an die seinen.
„Na, du Schwerenöter“, hauchte sie verrucht. „Wie geht es dir?“
Ralf ahnte, dass nun der schönste Teil, ach was, der beste Teil kommen würde. Diese Abspanne liebte er. Egal wer sie war, er würde es genießen. „Na“, sagte er daher nur. Er wusste nicht wer sie war und kannte auch ihren Namen nicht. Deshalb das knappe...Na! Sie schloss die Tür und drehte den Schlüssel. Langsam schlich sie auf ihn zu und öffnete ihre Jacke.
„Was meinst du?“, fragte sie hilflos. „Reicht es für einen Quickstepp? Oder für zwei?“ Der Kragen seines Hemdes wurde ihm zu eng, als er nickte.
Lächelnd entledigte die Unbekannte sich ihres Slips, ließ ihn um ihren Finger kreisen und setzte sich auf seinen Schoss. „Ich habe dich vermisst“, hauchte sie. „Immer diese Wochenenden, ich hasse sie.“
Ihm war es egal welche Wochenenden sie meinte, aber er nahm sich das, was sie ihm anbot voller Leidenschaft. Ihre Ungestümheit brachte seine Lenden zum kochen. In diesem Moment liebte er sie, wie eine schöne Momentaufnahme die seine Sinne verzauberte. Gehörte sie zu ihm? Es kam ihm plötzlich so vor. Als hätte sie seine Gedanken erraten, fragte sie leise: „Liebst du mich?“
Irritiert löste er sich von ihr. „In diesem Moment? Ja“, antwortete er zögernd. „Später nicht mehr.“ Sie lächelte und zog sich an. Dann beugte sie sich vor und gab ihm einen flüchtigen Kuss. „So soll es ja auch sein“, flüsterte sie ihm zu und verließ das Büro.
Während Birte vor der Tür überlegte, ob sich da wohl ein Wunschtraum in ihren immer wiederkehrenden Alptraum geschummelt hatte, grübelte Ralf über seine Realität nach. Er fragte sich, wo seine eigentlichen Erinnerungen waren und kam zu keinem Ergebnis. Resignierend schlüpfte er in seinen Mantel und verließ das Büro. Sie konnten ihn mal gerne haben, diese scheiß stupiden Bürohocker. Er wollte nur noch schlafen und in seiner Welt erwachen. Mehr nicht. Doch er würde diese, seine Welt, gerne Florian zeigen. Aber leider ging das nicht. Träumte er wegen ihm diesen Traum immer wieder? Fragen über Fragen, doch keine Antworten. Auf dem Flur begegnete er Birte und suchte die Antworteten in ihren Augen. Als er diese nicht bekam, ging er wortlos weiter und verließ das Gebäude. Es starrte ihm eine fassungslose Frau hinterher, die ihn vorhin kurz gekannt hatte und nun überlegte wer er war.
„Sie sollten sich keine Hoffnungen machen, Frau Peters. Er erlangt das Bewusstsein nicht mehr. Ein Jahr liegt ihr Mann schon im Koma. Überlegen sie es sich und unterschreiben sie. Ihr Leben geht weiter. Und das von Florian auch.“ Der Arzt drückte ihr das Formular in die Hand und verließ schnell das Zimmer. Als er verschwunden war, weinte Eva bitterlich. Sie hatte ihn geliebt. Sicher, es hatte sich der Alltag eingeschlichen in ihre Ehe, und sie hatten den Zeitpunkt verpasst dagegen zu lenken. Aber warum musste er sie gleich betrügen mit Birte, seiner Sekretärin? Aber war das ein Grund, die lebenserhaltenden Maßnahmen abzustellen? Ein paar Zimmer weiter lag Birte und lebte wie Ralf in einer anderen unbekannten Welt. War es das wert gewesen? Hatte Gott nicht zusehen wollen und sie bei einer angeblichen Geschäftsreise sterben lassen? Einfach so, durch einen tragischen Autounfall? Er hatte sie ja nicht sterben lassen, sondern in andere Welten geschickt. Sie würde Ralf aus seiner Welt entlassen, das war ihr nun klar. Verziehen hatte sie ihm schon lange. Ihren verletzten Stolz begraben und Tränen der Reue geweint. Nun war es an der Zeit, dass Florian sich von seinem Vater verabschiedete. Mit leeren Augen unterschrieb sie das Formular und legte es auf das kleine Tischchen.Warf Ralf einen letzten Blick zu und ging.
Ralf tauchte bei seiner Heimreise in eine phantastische Welt ein. Von einer Sekunde zur anderen lief er durch eine traumhafte Landschaft. Bunte, leuchtende Blumen zierten seinen Weg. Außergewöhnliche Vögel zogen über den strahlenden Sommerhimmel und gaben herrliche Töne von sich. „Endlich“, murmelte er. „Jetzt muss ich nur noch denken und wünschen.“
Eine Frau tanzte durch das Meer aus Blumen auf ihn zu. „Birte!“, rief er lächelnd.
„ Ist es nicht schön hier?“ Birte drehte sich im Kreis und rief: „Wunderschön!
Sag, was wünscht du dir herbei?“
Er war sehr nachdenklich, als er antwortete: „Friede mit mir selber. Ich möchte traumlos sein und vergessen. Verstehst du das? Ich möchte auch dich vergessen. In meinen Träumen weiß ich schon längst nicht mehr wer du bist.“
Birte schüttelte den Kopf. „Nein,“ flüsterte sie. „Das verstehe ich nicht. Du lebst in einem Paradies, in einem Traumland. Was willst du noch mehr? In meinen Träumen finde ich dich immer wieder neu, nur meine Erinnerung an dich ist kurz. Ich will bleiben.“ Enttäuscht träumte sie sich weg von ihm und überließ ihm die Entscheidung.
Wer rief da seinen Namen? „Florian?“, flüsterte er. „Du wirst mein letzter luzider Traum sein, ich weiß es.“ Er wünschte sich ihn herbei. Zögernd schritt Florian auf ihn zu und griff nach seiner Hand. „Leb wohl Papa“, flüsterte er ihm zu. „Ich wünsche dir eine gute Reise.“ Er nahm seinen Vater ein letztes Mal in den Arm und küsste ihn. „Danke, mein Junge,“ sagte Ralf mit fester Stimme. Nun komme ich dem Himmel bald ein ganzes Stück näher.“
In einem überlaufenden Farbenmeer löste seine phantastische Welt sich auf und brachte ihm den ersehnten Frieden. Endlich.