Die Suche nach dem Ich
Es ist 12 Uhr, die Ablösung kommt jeden Moment mit ihrem teuren Auto auf den Hof gefahren. Ich sitze am Fenster und warte. Welche Markenschuhe sie wohl wieder trägt?
Ob sie für heute etwas mit uns geplant hat? Ich glaube kaum, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.
Da kommt sie nun, mit heruntergelassenen Fensterscheiben, Sonnenbrille auf der Nase und lauter Musik. Sie hat alles: Teure Kleidung, ein großes Auto, einen Mann.
Ich wünschte, ich wäre auch so toll wie sie, aber nun sitze ich hier in meinem Zimmer, meine Mitbewohnerin mir gegenüber. Wir zählen unser Geld, viel ist nicht mehr übrig. Wieder 10 Euro Abzug, weil wir beim Rauchen erwischt wurden. Keine Zigaretten, kaum Geld, Stubenarrest. Vielleicht kann ich sie überreden, dass sie eine Ausnahme macht und ich kurz ins Dorf gehen darf. Als Grund gebe ich an, über meine Fehler nachdenken zu wollen. So was finden die Betreuer immer gut. Noch hat sie gute Laune, also schnell ausnutzen. Klappt meistens.
Ich mache mich auf den Weg, um Zigarettenstummel auf der Straße zu sammeln, damit ich nicht wieder aggressiv werde, wenn ich nichts zu rauchen habe. Mit Taschengeldabzug kann ich leben, aber ich darf nicht aggressiv werden, dann muss ich nämlich stundenlang allein in meinem Zimmer hocken und über mein Fehlverhalten schreiben. Die Betreuer sagen, wir reden anschließend darüber, aber meistens haben sie keine Lust oder Zeit dazu. Der Zettel landet in meiner Akte- womöglich sogar ungelesen. Ein paar dahin geschmierte Schriftstücke existieren bereits. Eigentlich habe ich viel zu sagen, mein Kopf möchte manchmal am liebsten platzen, damit all meine Gedanken, Ängste, Wutanfälle, Unsicherheiten und die Traurigkeit endlich verschwinden, doch ich kann mich niemandem anvertrauen. Die Betreuer geben sich mit uns ab, verstehen uns aber nicht. Sie wissen nicht, wie es ist, täglich von der heroinabhängigen Mutter ignoriert - oft sogar nicht mal erkannt- zu werden. Mein Vater schenkte mir wenigstens ab und zu etwas Aufmerksamkeit, wenn ich mal wieder eine Nacht auf Trebe war und nach Alkohol stinkend morgens zu Hause ankam. Sein Ledergürtel war mein bester Freund, er war mir näher als meine Eltern es je sein werden. Die Abdrücke der Gürtelschnalle auf meinem Rücken werden mich immer an ihn erinnern.
Als das Jugendamt mich mit 14 Jahren in diese Einrichtung steckte, war ich zunächst erleichtert. Anfangs waren alle bemüht, dass ich mich einlebe, ein neues Zuhause finde, mich erhole, ein normales Leben führe. Nachdem ich mich einige Male meiner Wutausbrüche hingab, weil ich mir nicht anders zu helfen wusste, fanden mich die Betreuer blöd und erteilten Sanktionen, ohne zu fragen, warum ich das tat. So etwas gehört sich einfach nicht. Basta.
Ich bekomme nur Anerkennung und Aufmerksamkeit, wenn ich mir eine Zigarette anzünde und lässig damit herumlaufe. Dann fühle ich mich sicher und cool.
Heute kaufe ich mir heimlich Süßigkeiten und einen Joint , den es am Bahnhof zu Sonderpreisen gibt. Ein paar Minuten die Welt vergessen und glücklich sein. Das Geld habe ich mir zusammen geschnorrt. Viele Menschen haben Mitleid, wenn ich auf armes Mädchen mache und geben mir ein paar Euro.
Danach benutze ich verschiedene Deo-Tester im Laden, um nicht verdächtig zu riechen, wenn ich in die Einrichtung komme, sonst gibt es wieder eine Sanktion, weil ich die Regeln nicht einhalte.
Als ich mich zwinge, ins Heim zurückzukehren, begutachtet mich die Betreuerin wie eine Strafgefangene. Sie entdeckt einen Schokofleck am Kragen. Ihre Alarmglocken läuten sofort: „Warst du etwa wieder wie ein Penner schnorren und hast dir Naschen gekauft? Du bist fett genug! Das ziehen wir dir vom Taschengeld ab! Und heute Abend gibt es für dich nur Brot!“
Mit starrer Miene trample ich ungeschickt die Treppe hinauf in mein Zimmer und heule eine geschlagene Stunde lang. Meine Mitbewohnerin lacht mich aus und verschwört sich mit den anderen Bewohnern gegen mich. Das lasse ich nicht auf mir sitzen und beleidige sie lautstark.
Die Bürotür öffnet sich. Mein Geschrei hat die Betreuerin gehört, das Lästern meiner Mitbewohner nicht, doch ich wage gar nicht erst den Versuch, es ihr zu erklären. Man schreit nun mal nicht, und dafür gibt es eine Woche Stubenarrest. Die anderen Mädchen grinsen siegessicher und bieten der Betreuerin freiwillig ihre Hilfsdienste bei der Zubereitung des Abendessens an. Dafür dürfen sie heute mal eine halbe Stunde länger raus, während ich auf meinem Bett liege und überlege, wie ich den morgigen Tag überstehe. Morgen kommt die Psycho-Tante. Die kann mir auch nicht helfen. Wenn ich ihr was erzähle, leitet sie es eh gleich an die Betreuer weiter, das habe ich am Anfang mal getestet. Seitdem sitze ich schweigend 45 Minuten bei ihr, Woche für Woche. Ich muss wenigstens dasitzen, auch wenn ich nicht rede. Das verstehe ich nicht. Und es erklärt mir niemand.
Noch zwei Stunden, dann ist Nachtruhe. Abends telefoniert die Betreuerin immer mit ihrem Mann. Heute hat sie die Tür einen Spalt offen gelassen, damit ich mich nicht heimlich raus schleichen kann. Ich höre, wie sehr sie sich auf ihren Feierabend am nächsten Tag freut und wie anstrengend der heutige Tag für sie war. Morgen früh kommt jemand anders zum Dienst, vielleicht unternehmen wir dann etwas, immerhin sind gerade Sommerferien. Heute klappte es leider nicht, da noch so viel Büroarbeit zu erledigen war. Außerdem sollen wir lernen, uns selbst zu beschäftigen.
Bevor ich ins Bett gehe, darf ich noch schnell duschen. Unter meinen Utensilien befinden sich zwei Rasierer. Die dürfen wir hier nicht haben, also bloß nicht erwischen lassen, sonst verlängert sich mein Stubenarrest um eine Woche.
Als ich das heiße Wasser über meinen Körper laufen lasse, spüre ich gar nichts. Ich drehe bis zum Anschlag, es dampft, meine Haut gleicht einem Krebs. Noch immer nichts. Ich fühle mich leer und hoffnungslos.
Dann färbt sich das Wasser um den Abfluss herum langsam rot, mir wird schwindelig. Ich will doch nur etwas fühlen! Und wenn es bloß der reine Schmerz ist. Ich brauche die Gewissheit, dass ich noch lebe und nicht in einem endlosen Alptraum verharre.
Es klopft an der Tür. Ich sei schon recht lange im Bad. Ob alles ok ist, will sie wissen. Ich freue mich über diese Frage und gebe später freiwillig die Rasierer ab. Vielleicht liegt ihr doch etwas an mir?
Als sie die Rasierer nimmt, fragt sie, ob ich wisse, was nun passiert. Ich verzichte auf einen Striptease und zeige ihr voller Demütigung die tiefen Schnitte am Unterarm, die ich nun selbst verbinden muss. Keine Fragen, kein Verständnis, keine Mimik. Der Termin in der Kinderpsychiatrie wird umgehend vereinbart. Das gehe so nicht weiter, ich müsse mich ändern. Die Betreuer können mir nicht helfen, wollen mir nicht helfen, ich gehöre in stationäre Behandlung. 3x war ich schon dort, aber dieses Mal soll alles besser werden.