Neuer Mut und Hoffnung
Von einer Frau, die von ihrem Lebensgefährten verlassen wurde. Sie ist verzweifelt, fasst aber dann neuen Mut und Hoffnung...
Org. Titel - Hoffnung?
Die junge Frau sitzt im Sessel einer Sitzgruppe. Es ist eine schöne, gemütliche Wohnung, in der die Sitzgruppe steht, ihre eigene Wohnung. Nein, sie ist nicht mehr jung, diese Frau, aus der Nähe sieht man es. Sie ist etwa Mitte bis Ende der Fünfziger, aber sie ist noch immer hübsch. Ein gut geschnittenes Gesicht, umrahmt von dunkelblondem Haar. Einige feine Fältchen durchziehen es, sie bezeugen ihr Alter. Die graublauen Augen blicken zu Boden, voll ungeweinter Tränen.
Müde stützt sie den Kopf in die Hand. Sie grübelt nach - warum nur ist alles so gekommen? Schon wieder so gekommen? Warum nur?
Ihr Lebensgefährte hat sie verlassen. Über sieben Jahre war sie mit ihm zusammen gewesen, sie hat ihn geliebt. Und er sie doch auch? Er hat es ihr doch oft gesagt und auch bewiesen - kein Wochenende ohne Blumen, die gemeinsamen Reisen, Theaterbesuche... und das alles soll nun vorbei sein, einfach so, ohne ersichtlichen Grund! Und nun wieder allein sein, wie soll sie das nur ertragen?
Es ist nicht das erste Mal, dass ihr solches zustößt. Sie hat früh geheiratet, einen gleichaltrigen Mann. Zwei Kinder hat sie großgezogen, fast dreißig Jahre mit ihm verbracht, gute und weniger gute Jahre, aber doch überwiegend gute. Und dann, eines Abends, hat er ihr gesagt, dass er sich trennen will. Er hätte sein Leben noch nicht gelebt, so seine Begründung. Midlife-Crisis? Zweifellos.
Die Scheidung erfolgte einvernehmlich, ohne Streit und Rosenkrieg. Es war schwer für sie gewesen, sehr schwer. Aber sie hatte sich aufgerafft, hatte Kurse gemacht, war ins Berufsleben zurückgekehrt. Und dann hatte sie nach einiger Zeit den neuen Mann kennen gelernt. Wie nach einer Mondfinsternis war es ihr damals vorgekommen, die Verfinsterung ihres Lebens war gewichen mit dem neuen Mann. Dem Mann, der sie jetzt verlassen hat. Auch verlassen, wieder verlassen.
Die Frau steht auf, geht zur großen Fenstertür, geht hinaus und lehnt sich über das Balkongeländer. Blicklos starrt sie hinunter in den Vorgarten, wo das Vogelhäuschen steht, das er im letzten Winter gebaut und aufgestellt hatte. Seit Nächten hat sie kaum mehr geschlafen, hat sich ruhelos von einer Seite zur anderen gewälzt, in ihrem Bett neben dem anderen, nun wieder leeren. Böse Träume haben sie gequält und haben sie aufschrecken lassen, wenn sie mal kurz eingenickt war.
Nun hat sie Kopfschmerzen, stechende, hämmernde Kopfschmerzen. Ihr ist, als würde etwas in ihrem Kopf zerspringen, explodieren, wie eine Silvesterrakete. Dazu dieser dauernde, störende Tinnitus, der sie seit einigen Tagen nie verlässt, es ist wie ständiges Meeresrauschen in ihren Ohren. Soll sie schon wieder eine Tablette nehmen? Aber vielleicht ist es etwas Ernstes? Sie sollte wohl wieder einmal einen Arztbesuch in Erwägung ziehen, in den nächsten Tagen.
Seufzend geht sie zurück ins Zimmer, geht ruhelos in der Wohnung umher - ins Bad, ins Schlafzimmer, in die Küche, wieder ins Wohnzimmer. Dann nimmt sie einen Schlüssel vom Bord, verlässt ihre Wohnung und betritt die daneben liegende. Hier hat bis vor kurzem noch die erwachsene Tochter gewohnt, die jetzt mit ihrem Freund zusammengezogen ist. Auch hier gibt es eine große Fenstertür, sie führt auf die Terrasse hinaus und von da in den kleinen hinteren Garten.
Die Nachmittagssonne scheint noch warn. Es ist ganz still, wohltuend still. Sie setzt sich in den weißen Gartenstuhl. Die Kopfschmerzen haben etwas nachgelassen.
Sinnend blickt sie umher. Schön ist es hier in dem kleinen Garten, der zum Nachbargrundstück hin ansteigt. Ein kleiner Steingarten schließt an die Terrasse an .Am Zaun hat sie Zierbüsche gepflanzt, die Hortensien blühen noch. Hinter dem Zaun ragen hoch die Bäume des Nachbargrundstückes. Sie denkt: Wenn einmal ein richtiger Orkan hier weht, könnten sie umfallen und direkt auf mein Haus.
Plötzlich hört sie ein Geräusch, es kommt vom Steingarten her. Es klingt wie - ja, wie ein leises Piepsen. Sie steht auf und sucht die Ursache. Zuerst ist nichts zu sehen, sie guckt hierhin und dorthin - nichts. Aber dann entdeckt sie es, es ist eine kleine Maus, eine Spitzmaus! Irgendwie hat sie sich zwischen den Steinen eingeklemmt, sie hängt mit dem Schwanz fest und kann nicht weg! Es ist noch eine junge Maus, ein kleines Mäuschen, es sitzt da und quält sich, aber es kommt nicht los.
Die Frau beugt sich hinunter zu dem Tierchen. Das sitzt jetzt ganz still. Mit den schwarzen Knopfäugelchen guckt es ängstlich und hilflos zu ihr empor. Du bist auch allein, denkt sie, wo ist denn bloß deine Mutter? Ja, überall auf der Welt gibt es Unglück und Verlassenheit. Aber ich helfe dir, wart nur noch einen Moment.
Sie steht auf und geht zurück in die Küche. Dort nimmt sie ein Küchenhandtuch, damit will sie das Mäuschen anfassen und es befreien. Doch als sie wieder auf die Terrasse kommt, ist es verschwunden.
Es hat sich selbst geholfen, denkt sie, es hat sich selbst befreit. Und dann: Das musst du doch auch können. Dich selbst befreien! Dein Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen. Du hast es doch schon einmal geschafft, du kannst es wieder schaffen. Ja, du schaffst es wieder!
Sie setzt sich auf den Stuhl und schließt die Augen. Ja, gleich morgen will sie anfangen. Zuerst wird sie sich wieder einen kleinen Hund anschaffen. Das wollte sie doch schon die ganze Zeit und hat es nicht getan aus Rücksicht gegenüber dem Mann, der mochte keinen Hund. Aber jetzt ist sie frei und kann tun, was sie mag. Ja, gleich morgen, denkt sie und lächelt ganz leise vor sich hin. Und dann - dann wird es vielleicht doch noch einmal, später, ein anderes Glück für sie geben? Ja, warum nicht? Sie ist noch nicht zu alt. Sie muss es nur wollen und dran glauben...!