Das Messer
Als Lisa von der Arbeit heimkehrte, lag Kai schnarchend auf der Couch und dünstete Alkohol, Schweiß und etwas Undefinierbares aus.
Dass ihr Ex- Ehemann schlief, erfüllte sie nahezu mit Dankbarkeit, denn in wachem Zustand war er kaum noch zu ertragen.
Lisa befand sich in einer schlimmen Misere, die eigentlich schon vor vielen Jahren begonnen hatte und an der sie eine gewisse Mitschuld trug.
Doch vielleicht sollte ich von Anfang an erzählen:
Lisa war Krankenschwester und hatte Kai im Krankenhaus kennen gelernt, wo dieser als Pflegehelfer arbeitete. Obwohl der Mann einen schlechten Ruf als Schürzenjäger und Tunichtgut hatte, ließ sie sich mit ihm ein. Er hatte trotz allem Charisma, sah verdammt gut aus und konnte sehr fesselnd und witzig erzählen. Obwohl Kai nie eine Ausbildung abgeschlossen- nur etliche begonnen hatte, besaß er mehr Bildung und Intelligenz, als so mancher der Ärzte.
Kai faszinierte die junge Frau; sie ließ sich von ihm blenden und heiratete ihn eigentlich aus Trotz. Alle Kollegen und Freunde hatten ihr dringend von diesem Schritt abgeraten und das hatte den Ausschlag gegeben.
Tatsächlich verliefen die ersten Monate, ja sogar die ersten zwei Jahre dieser Ehe recht glücklich. Die junge Frau glaubte, die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben. Kai eröffnete eine kleine Kneipe, für die Lisa die Lizenz blauäugig unterschrieb. Zunächst warf der Laden einen ganz netten Gewinn ab; Lisas ewige Geldsorgen, verursacht durch frühere Männer, schienen der Vergangenheit anzugehören. Doch schon nach einiger Zeit wendete sich das Blatt: Ein rechtsradikaler Fußballfanclub begann die Pinte zu terrorisieren, Kai musste nach einem Sturz auf der Kellertreppe ins Krankenhaus, der Steuerberater brannte mit einer jungen Geliebten und den Finanzen seiner Klienten nach Mallorca durch. Der Laden machte Pleite und als wäre das noch nicht genug, ließ Kai sich mit einem weiblichen Gast ein und schwängerte sie. Von der Situation überfordert, begann Lisas Mann zu trinken und gleichermaßen fing er damit an, seine Ehefrau zu schlagen. Je weiter die Schwangerschaft seiner Geliebten fortschritt, desto brutaler wurde Kai. Endlich schlug er Lisa windelweich und sie flüchtete auf das nächste Polizeirevier. Sie erwirkte eine Verfügung, die dem völlig unmenschlich gewordenen Gatten verbot, sich der Wohnung zu nähern und sie reichte die Scheidung ein.
In den ersten Wochen rief Kai noch regelmäßig bei seiner Frau an und drohte, sie tot zu schlagen. Dann kam die Zeit, in der er um Vergebung flehte, doch blieb Lisa standhaft. Als die Scheidung endlich stattfand, war die Beziehung einigermaßen entspannt
Lisa suchte weiter nach dem großen Glück. Durch Kai und die Kneipe waren ihre Schulden inzwischen ins Uferlose gestiegen, doch unterkriegen ließ sie sich nicht. Sie ging eine neue Beziehung ein, die wieder in einem Fiasko endete. Dann, Jahre später, meldete Kai sich unverhofft wieder bei ihr. Seine Geliebte hatte inzwischen ein zweites Kind von ihm bekommen und ihn dann vor die Tür gesetzt. Ausgerechnet bei Lisa wollte er sich ausweinen; sie wäre die Einzige, der er immer hätte vertrauen können, äußerte er sich. So trafen die Zwei sich in einem Lokal zum Gespräch. Lisa war amüsiert und genoss das Gefühl, ihren Exmann derart am Boden zu sehen. Auf seine erneuten Annäherungsversuche reagierte sie voll Selbstbewusstsein und mit Witz. Er hätte sich geändert, er wäre geläutert, versicherte Kai ihr immer wieder. Das Gefühl, mit ihm spielen zu können, war Balsam für die Seele der Frau. Von diesem Tag an telefonierte Lisa ab und zu mit Kai und ließ sich ein oder zweimal von ihm ausführen. Langsam kam sie zu der Überzeugung, der Schläger von damals hätte sich tatsächlich geändert und sie machte den gleichen Fehler noch einmal: Sie ließ sich wieder mit Kai ein.
Wieder ging anfangs alles gut. Lisa hatte ihre große Liebe wieder und war im siebten Himmel. Diesmal gründete Kai ein kleines Abbruchunternehmen, mit dem er ihre bescheidenen Ansprüche recht gut finanzierte. Kais Sohn aus erster Ehe arbeitete mit im Betrieb und da er ein netter, unkomplizierter Kerl war, bezogen die drei eine gemeinsame Wohnung. Als Kai wieder begann, dem Alkohol reichlich zuzusprechen, wollte Lisa die bösen Vorzeichen nicht sehen. Auch Kais Selbstsucht und Intoleranz leugnete sie lange vor sich selbst.
Lisas Arm wurde wegen einer Entzündung eingegipst und sie war damit recht hilflos. Kai war nicht dazu bereit, ihr auch nur eine Scheibe Brot zu schmieren, vielmehr tat er so, als habe seine Partnerin sich aus Faulheit den Gips anlegen lassen. Als Lisa einen Bandscheibenvorfall hatte, reagierte Kai sogar noch unduldsamer. Er war weder bereit, ihr Geld für eine Taxifahrt zum Arzt zu geben, geschweige denn, sie zu begleiten. Die Ärmste musste sehen, wie sie mit den Schmerzen und der Unbeweglichkeit klarkam. Sie nahm alles hin, hoffte, ihr Liebster würde sich wieder ändern und alles würde wieder gut werden.
Wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Vermieter zog die kleine Familie nach Reinbek, einem Hamburger Vorort und dort wurde alles noch schlimmer. Kai entdeckte, dass er seinen Vorarbeiter und die Angestellten für sich arbeiten lassen konnte und ging immer häufiger auf Sauftour. Manchmal ließ er Lisa ganze Wochenenden ohne einen Pfennig zu hause sitzen. Dann wusste sie oft nicht, ob sie seine Heimkehr herbei wünschen, oder fürchten sollte. Er war in seinem angetrunkenen Zustand unberechenbar; ein falsches Wort schon konnte zu Misshandlungen führen. Lisa wagte es nicht, sich jemandem anzuvertrauen. Nur Kais Sohn Mike versuchte anfangs noch tapfer, seine Stiefmutter in Schutz zu nehmen. Doch dann zog er aus und Lisa war mit dem Tyrannen allein und fernab von allen Freunden. Sie gewöhnte sich an, kleine Mengen Geldes zu verstecken, um nicht ganz mittellos da zu stehen. Sie rollte Geldscheine anstelle einer Mine in einen Kugelschreiber, bunkerte hier und da etwas in der Schmutzwäsche oder unter dem Aquarium. Kai hatte Vollmacht auf ihr Konto und trug ihre Scheckkarte wie selbstverständlich mit sich herum. So finanzierte er Besäufnisse, Glücksspiele und Nutten.
Lisa bereute es bitterlich, dass sie sich damals von Kai wieder um den Finger hatte wickeln lassen und wollte fort von ihm. Zunächst musste sie aber wieder nach Hamburg zurück; in der Großstadt würde vieles leichter fallen. Behutsam überzeugte sie Kai von einem Umzug- er meinte nachher sogar, es wäre seine eigene Idee gewesen. Es fand sich auch bald eine Wohnung in der Nähe des Krankenhauses, in dem Lisa arbeitete. Beim Umzug halfen Lisas erwachsener Sohn, der Sohn von Kai und die heruntergekommene Nutte, mit der Kai herumzog. Diese Dame war Lisa inzwischen völlig wurscht; nur dass diese Frau bei der Aktion den schönen Säulenkaktus fallen ließ, wurmte sie gehörig.
Der erste Schritt in die Selbstständigkeit war getan. Lisa tapezierte und strich die Wohnung, während Kai sich auf dem Kiez vergnügte. Gelegentlich kam er noch heim, um seinen Rausch auszuschlafen, oder um seinen Frust an der hilflosen Frau abzureagieren. Lisa ertrug alles klaglos, wartete auf den richtigen Moment. Sie traute sich nicht, Kai einfach vor die Tür zu setzen. Immerhin war der Mann fast zwei Meter groß und trotz aller Exzesse noch durchtrainiert! Freiwillig würde er sich nicht aus seinem warmen Nest schubsen lassen.
Eines Nachts kam Kai nach Tagen wieder nach hause. Er war besoffen wie fast immer, aber in Liebeslaune. So warf er sich, Zärtlichkeiten lallend, auf die entsetzte Lisa. Steif vor Angst ließ sie das stinkende, schmutzige Monstrum gewähren. Er hielt ihr schmerzvolles Stöhnen für Lustbezeugungen und rieb seinen verschwitzen Körper an ihr, bis er befriedigt in den Schlaf sank. Als er bierselig schnarchte, rollte Lisa sich unter dem schweren Leib hervor und flüchtete ins Badezimmer. Heulend ließ sie heißes Wasser in die Wanne laufen und stieg hinein. Von Ekel geschüttelt seifte sie sich ab, wieder und immer wieder. Dort, wo sie mit Kais verschwitzter, stinkender Haut Kontakt gehabt hatte, waren hässliche kleine Pickel aufgeblüht. Sie übergab sich ins Badewasser, duschte alles ab und ließ frisches Wasser ein. Als Lisa endlich ein Gefühl von beinahe Sauberkeit hatte, legte sie sich auf die Couch im Wohnzimmer. Sie fand in dieser Nacht keinen Schlaf mehr. Ständig lauschte sie in Richtung Schlafzimmer auf das komatöse Schnarchen und grübelte, wie sie aus dieser Situation entkommen könnte. Sie fand keine Lösung.
Und nun lag dieser Mensch wieder einmal schnarchend und stinkend auf der Couch. Leise stellte Lisa ihre Tasche ab und wollte gerade in die Küche schleichen, als sie es sah: Aus der Holzplatte des hübschen Couchtisches ragte aufrecht ein Jagdmesser! Warum auch immer musste Kai es dort hinein gestoßen haben, bevor er ins Koma gefallen war. Lisa starrte das archaische Instrument an und atmete tief durch.
Das gab es doch einfach nicht! Dieser Mensch hatte nicht nur ihr Leben ruiniert- jetzt ruinierte er auch noch die Möbel! Was Jahre des Leids, Angst und Schmerzen nicht hatten bewirken können, das erreichte nun der bloße Anblick dieses Messers. Es schien ein Sinnbild für die Zerstörungswut und Brutalität dieses Mannes zu sein. Aufgebracht schrie Lisa den Schlafenden an:
„Was soll dieser Mist jetzt schon wieder bedeuten? Bist du verrückt geworden?“
Wohl sehr zu ihrer eigenen Überraschung schoss Kai senkrecht in die Höhe. Rot umränderte Augen fixierten sie bösartig. Lisa erschrak jetzt vor der eigenen Courage, doch es war zu spät. Irgendetwas zwang sie, weiter zu reden, obwohl sie ahnte, dass es keinen guten Ausgang nehmen würde.
„Warum machst du den Tisch kaputt?“ fauchte sie und zog das große Messer mit einem angewiderten Handgriff aus der Tischplatte. Polternd fiel es auf das polierte Kiefernholz zurück.
„Was willst du!“ schrie Kai auf. Die Betonung der einzelnen Silben klang bedrohlich und Lisa überlief es eiskalt- ein Gefühl schrecklicher Gefahr.
„Was willst du?“ wiederholte der Mann stereotyp, doch diesmal noch lauter.
„Ich hab dich gefragt, was du willst!“ Anscheinend verfügte er nach dem unsanften Wecken noch nicht wieder über ein umfangreiches Vokabular.
„Du hast da, hast da… das Messer…“
Da Kai mit einem unerwartet schnellen Sprung auf die Füße gekommen war, verlor Lisa den Faden, begann, zu stammeln. In seiner vollen Größe ragte der Mann jetzt, nur ein paar Meter entfernt, bedrohlich vor ihr auf.
„Ich, ich wollte nur…“
Lisa machte ein paar Schritte rückwärts. Doch da war der Hüne schon heran, ergriff sie bei den Haaren. Mit einem Ruck zog er die Frau nah zu sich; sie roch seinen fauligen Atem, roch Alkohol, Zigaretten und das tagelange Fehlen von Zahnpasta. Ohne ihr langes Haar loszulassen, versetzte er ihr mit der freien Hand eine schallende Ohrfeige. Lisa schrie vor Angst und Schmerz und versuchte, mit den Armen ihr Gesicht vor weiteren Schlägen zu schützen. Doch Kai rammte ihr die Faust in die Magengrube und sie krümmte sich. Hätte die brutale Hand sie nicht weiter an den Haaren festgehalten, wäre sie zu Boden gegangen. Kai schien sich in diesem Moment der verpassten Chance bewusst zu werden und ließ sein Gegenüber kurz los.
Als Lisa haltlos taumelte, schlug er sie erneut ins Gesicht und diesmal fiel sie wirklich hin. Vor Todesangst kreischend riss sie erneut die Arme vor den Kopf, doch Kai fegte sie mit einem Tritt beiseite. Der nächste Tritt traf sie in die Niere und dann konnte er mit dem derben Lederstiefel noch einen Treffer auf ihrem Kinn landen. Ächzend bückte er sich dann, um sie erneut an ein paar Haarsträhnen zu ergreifen. Er schleifte sie daran über den Teppich und hielt nur jeweils kurz inne, um ungezielt nach ihrem schlaffen Körper zu treten. Ja, Lisas Körper war schlaff geworden. Trotz der heftigen Schmerzen stellte sie sich jetzt tot, wie ein kleines Insekt, das dem Fressfeind entkommen möchte.
So machte Kai die Sache aber keinen Spaß mehr.
„Ey, ey du!“ rief er sie noch ein paar Mal zwischen halbherzigen Schlägen und Tritten an. Doch obwohl Lisa fürchtete, sich vor Schmerz gleich erbrechen zu müssen, regte sie sich nicht. Kai verlor die Lust an seinem Spiel und taumelte brummend zum Sofa zurück. Krachend ließ er sich in die Polster fallen und begann nach kurzer Zeit, erneut zu schnarchen.
Lisa blieb noch minutenlang reglos liegen, lauschte den scheußlichen Lauten und bemühte sich, möglichst flach zu atmen. Dann hob sie zögernd den Kopf und starrte angstvoll auf den schlafenden Mann. Er hatte den Mund geöffnet, ein Speichelfaden lief aus dem linken Mundwinkel in den Kragen des fleckigen Hemdes. Leise erhob die Frau sich, mühsam ein Stöhnen unterdrückend. Als sie schwankend auf den Füßen stand, bemerkte sie, dass nun das Glück auf ihrer Seite war: Neben dem unsäglichen Messer lag auch Kais Schlüsselbund auf dem Couchtisch; sie hatte es vorher gar nicht bemerkt. Sie krampfte eine zitternde Hand darum- jetzt nur kein Rasseln! Rückwärts gehend ergriff sie ihre Tasche und schlich in den Flur, wo ihr eigener Haustürschlüssel auf dem Schuhschrank lag. Sie nahm ihn an sich und öffnete leise die Tür. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie ins Treppenhaus trat und die Wohnung lautlos schloss.
Lisa fühlte sich elend, aber sie musste endlich Prioritäten setzen. Von einer Telefonzelle aus ließ sie ihr Konto sperren und gab ihre Girokarte als gestohlen an. Kai besaß die Karte noch immer und in Kürze wurde ihr Gehalt auf ihr Konto überwiesen. Sie wollte ihm kein sauer verdientes Geld mehr überlassen. Danach schleppte sie sich in die nächste Arztpraxis, um ihre Wunden protokollieren zu lassen. Doch die nicht sehr einfühlsame Sprechstundenhilfe schickte die Frau mit dem blutigen, geschwollenen Gesicht ungerührt in das rappelvolle Wartezimmer. Lisa ertrug die neugierigen Blicke der Menschen nur kurze Zeit, dann verließ sie frustriert die Praxis. Sie hatte erneut Glück: Fast vor der Tür stieß sie auf einen Streifenpolizisten. Ohne Umschweife berichtete sie, was geschehen war und der Uniformierte rief zwei Kollegen per Funk zur Verstärkung. Lisa ging mit dem Beamten zum Wohnhaus zurück und schon kurze Zeit später hielt auch das Polizeiauto mit der Verstärkung dort vor der Tür. Die Hinzugekommenen wurden rasch ins Bild gesetzt und dann betrat Lisa mit ihren Beschützern erneut die Wohnung, wo Kai noch immer, oder wieder seinen Rausch ausschlief. Einer der Beamten rief ihn erfolglos an, ergriff ihn schließlich an der Schulter.
„Was ist los?“ lallte Kai nur halb wach. Dann stierte er den Polizisten aus trüben Augen an, ohne etwas zu begreifen. Der Beamte informierte den Desorientierten darüber, dass dieser ja wohl seine Partnerin misshandelt hätte. Kai kam immerhin so weit zu sich, dass er das Ganze als Blödsinn bezeichnen konnte. Als er von den Polizisten höflich, aber bestimmt zum Verlassen der Wohnung aufgefordert wurde, hatte er sich wenigstens einigermaßen in der Gewalt.
„Ich gehe jetzt“ sagte er langsam und akzentuiert.
„Aber nicht, weil mir das jemand sagt, sondern weil mir das hier zu albern ist!“
Er warf noch einen verwunderten Blick auf die Stelle, wo vorher sein Haustürschlüssel gelegen hatte, machte eine vage Geste in diese Richtung, verließ dann aber schweren Schrittes die Wohnung und schlug die Tür hinter sich zu.
Die Beamten nahmen noch ein Protokoll auf und der Streifenpolizist versprach, ein Auge auf Lisas Wohnung zu haben. Übrigens hielt er sein Wort und der nette Herr trank in der Zukunft noch einige Male Kaffee bei Lisa. Für den Augenblick aber verrammelte die Frau alle Türen hinter den Staatsdienern, versorgte endlich ihre kleinen Wunden und Schwellungen und behandelte das Sofa mit Seifenlauge. Sie hatte das Gefühl, es würde sonst noch weiterhin Alkohol und alten Schweiß ausdünsten.
Für Kai war das Thema durchaus nicht abgeschlossen. Telefonisch drohte er seiner Exfrau an, ihr das Genick zu brechen. In den ersten Tagen nächtigte Lisas Sohn bei ihr. Zwar konnte dieser es an Kraft nicht mit Kai aufnehmen, aber er gab Lisa ein Gefühl von Sicherheit. Sie hielt die Balkontür in der ersten Zeit geschlossen, aus Angst, der Unmensch könne auf diesem Wege in die Wohnung einsteigen. Ein Kollege geleitete Lisa einige Male von der Arbeit nach hause; doch all diese Vorsichtsmaßnahmen erwiesen sich dann als überflüssig. Zwar drohte Kai noch gelegentlich am Telefon, aber er kam nie wieder in Lisas Nähe. Nicht nur das- er verlegte sich nach einiger Zeit wieder auf Entschuldigungen und wortreiche Reueschwüre. Doch diesmal blieb Lisa fest. Nach ihrer ersten Trennung von Kai hatte sie trotz Allem ein Gefühl tiefer Trauer und eines herben Verlustes gespürt. Wenn sie jetzt an ihren Verflossenen dachte, fühlte sie nur Angst, Hass und Ekel. Sie bewahrte sich dieses Gefühl.
Vom nächsten Gehalt, auf das nun nur Lisa allein Zugriff hatte, erstand sie einen neuen Couchtisch, den sie liebevoll pflegte.
Das Alles liegt nun über zehn Jahre zurück. Lisa hat einen wunderbaren Partner und ihr persönliches Glück gefunden. Einmal hat sie Kai zufällig am Hauptbahnhof getroffen. Er ist sehr vorgealtert, doch er schien nüchtern zu sein. Vielleicht hat er keine Frau mehr gefunden, die so dumm ist, seine Sauftouren zu finanzieren. Ich möchte im Interesse aller Frauen hoffen, dass es auch so bleibt.
Nachwort:
Es hat sich tatsächlich alles genau so ereignet, wie ich es hier niedergeschrieben habe. Ich habe lediglich den Namen der weiblichen Hauptfigur abgeändert, den ihres Mannes jedoch nicht. Geschieht ihm ganz recht, wenn ihn jemand erkennen sollte!