Das Ende
Der Abendbrot-Tisch ist spärlich gedeckt. Aber pünktlich um 18.00 Uhr hat jedes der sechs Familienmitglieder seinen Platz eingenommen.
Das war immer so - schon seit ich denken kann. Frühstück um 8, Mittag punkt 12 und Abendessen 18 Uhr. Dazwischen hatte jeder seine Aufgabe, aber auch seine gewisse Freiheit.
Prüfend blickt die Mutter in die Runde ihrer 4 Kinder. Keiner sagt ein Wort. Beim Essen herrscht Ruhe, so heißt die Devise, die zugegeben nicht immer so streng genommen wird. Es gibt Tee. Es gibt immer Tee - Pfefferminztee für uns Kinder und schwarzen Tee für die Eltern.
Ich sitze meinem Vater gegenüber und wage es kaum, ihn anzusehen.
Sein Oberkörper schaukelt leicht vor und zurück. Die Augen hat er halb geschlossen. Seine Hand kann kaum das Brot halten, welches die Mutter ihm geschmiert hat. - Er ist betrunken. Wieder einmal.
Auch deshalb wagt keiner, ein Wort zu sagen. Man kann schlecht einschätzen, wie es ankommen würde und Angst schnürt uns die Kehle zu. Ein kleiner Tropfen kann das Fass zum Überlaufen bringen.
Die Mutter zwinkert uns zu. Das hieß so viel wie, seid schön still und esst. Das tat sie immer. Immer wieder versuchte sie, die Situation zu entspannen und fröhlich zu wirken. Aber inzwischen bin ich 15, sie kann mir nichts mehr vorspielen.
Ein gutes Stück des Brotes liegt nun schon unter dem Tisch und keiner kann so richtig ausmachen, ob der Vater schläft oder noch wach ist.
"Leg dich doch hin!", sagt die Mutter ruhig zum Vater und der versucht vergeblich, seine Augen wieder zu öffnen, reagiert aber sonst nicht.
"Wenn ihr satt seid, könnt ihr den Tisch abräumen und dann in eure Zimmer gehen.", sagt sie sanft zu uns. Endlich! Die Erlösung.
Draußen in der Küche verteilt sie die Aufgaben. Zwei von uns hatten den Abwasch zu erledigen und die anderen Beiden mussten draußen in Stall und Garage nach versteckten Schnapsflaschen suchen.
Und Mutter? Wenn sie Glück hatte, konnte sie den Vater dazu bewegen, sich auf die Couch zu legen und seinen Rausch auszuschlafen. Sie wusste, dass für ihn um halb 3 Uhr morgens die Nacht zu Ende sein würde, dann musste er auf Arbeit.
So war es nicht immer.
Ich liebe meinen Vater. Ich bin seine einzige Tochter und er hatte mich immer mit Nachsicht behandelt.
Schleichend verschlechterte sich die Situation. Er war häufig betrunken, richtete dann irgendeinen Schaden an, für dessen Regelung jedesmal der größte Teil seines Lohnes und des Lohnes der Mutter verloren ging.
Und dann, dann war er plötzlich sehr kreativ, damit der Tisch trotzdem so gefüllt war, dass die große Familie satt wurde.
Ich beneidete meinen Bruder. Er durfte am Sonntag Abend jedesmal wieder ins Internat fahren und entwich so der angespannten Lage.
Manchmal schlief der Vater dann einfach ein, häufiger aber gab es Streit und irgend etwas ging zu Bruch.
Eines Abends teilte die Mutter uns mit, dass sie sich scheiden lassen wird. Es gab wohl keinen anderen Weg, das wusste ich und meine Brüder auch. Dennoch, es war ein Schock. Es gab nicht viele Scheidungskinder in meiner Schulklasse und ich wollte keinen meiner Eltern verlieren, auch wenn das Familienleben kaum noch zu ertragen war.
Ich konnte die Mutter verstehen, heulte mich trotzdem in den Schlaf.
Schon in der nächsten Woche war es soweit. Damals ging das noch so schnell. Angesichts der eindeutigen Situation war eine Versöhnungsverhandlung nicht nötig.
Direkt vom Gerichtssaal ging der Vater in die Klinik. Es war seine letzte Chance, uns nicht zu verlieren und es war die Hölle. Zum ersten Mal sah ich meinen Vater weinen und er tat mir leid.
Als ich ihn besuchte, erkannte er mich gar nicht. Er wollte nicht wissen, wer ich war, bettelte nur um einen Schluck Alkohol.
Nach der Entgiftung machte Vater keine Pause. Er begann sofort wieder zu trinken und er hatte deutlich sichtbar Schmerzen im Oberbauch und im Rücken.
Mutter zog mit uns in eine andere Wohnung. Eigentlich war es mehr ein Loch als eine Wohnung. Aber sie hatte immerhin ein schlichtes Bad und für jeden von uns ein eigenes Zimmer. Vater half uns beim Umzug.
Zwei Tage später rief seine Firma bei Mutter an und fragte, warum mein Vater nicht zur Arbeit erschienen war. Das hatte er trotz allen Alkohols noch nie getan.
Meine Mutter und mein Bruder fuhren zur alten Wohnung, in der mein Vater mit einem Teil der Einrichtung zurückgeblieben war.
Mein Bruder fand ihn. Er hing im Hühnerstall, aufgehangen an einem elendigen Stück Seil hatte er seinem Leben selbst ein Ende gesetzt.
LG Pedro