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Das Blumenmädchen

Das Blumenmädchen - Die Beobachtung eines jungen Mädchens, welches dem Betrachter mit ihrer unschuldig-hilflosen Art in Atem hält. Doch ehe er sie retten kann, scheint es zu spät.

Da stand sie.
Wie jeden Tag stellte sie behutsam das kleine Tischchen vor sich auf und setzte sich dahinter auf den wackeligen Stuhl.
Ihre Hände ruhten in ihrem Schoß.
Der Tag war kalt, doch nur ich sah, wie sie zitterte. Kaum wahrnehmbar bebten die langen dünnen Finger ihrer kleinen Hände, welche sie in blinder Hoffnung nach Wärme aneinander rieb. Die Spitzen, mit den bis aufs Fleisch abgekauten Nägeln, hatten sich in den zerschlissenen Halbfingerhandschuhen blau verfärbt.
Vor ihrem Mund bildeten sich kleine Wolken ihres stoßweisen Atems.
Ich beobachtete sie jeden Tag, sah wie sie sich mit ihrer Zunge über die aufgesprungenen Lippen leckte und die kleinen Fetzen toter Haut abnagte.
Wie spitz ihre Zähne waren.
Auch ihr kleines Gesichtchen war spitz, ihre Haut blass, fast schneeweiß und makellos. Der kleine Leberfleck hockte, wie ein störender Käfer, schwarz auf ihrem hohen Wangenknochen.
Die eingefallenen Wangen darunter waren durch den kalten Wind blassrosa eingefärbt.
Sie kniff ihren kleinen Mund zusammen und zeigte ihr Mona-Lisa-Lächeln, hinter welchem sie sich versteckte. Oft sah ich sie so lächeln.
Doch war nichts Warmes in diesem Lächeln, vielleicht lag es an der Kälte, denn ihre Lippen, die wie zwei Grashalme -so dünn- aufeinander lagen, hatten dieselbe blassgraue Farbe wie ihr restliches Gesicht.
Doch Augen hatte das Mädchen!
Aus den tiefen, dunkel umrandeten Höhlen strahlten wässrig schimmernde, blaue Sterne. Traurig blickte sie umher, als suche sie etwas und könne es nicht finden.
An ihrer Nase hing ein kleines Tröpfchen, welches sie mit ihren zittrigen Fingerchen wegwischte, wie auch eine Strähne des langen aschblonden Haares.
Schönes Haar hatte sie, lang und leicht lockig. Doch es war stets ungekämmt, verfilzt und strähnig. In diesen Zauseln wand sich ein rotes Band, welches sie wohl schon vor langer Zeit eingeflochten hatte. Dies war der einzige Schmuck den sie trug.
Dieses Band war neben ihren Augen auch das einzig wirklich Farbige an ihr.
Ihr Kleid war grau, schmutzig und abgenutzt. Ich denke sie hatte es viele Jahre, vielleicht war es ihr liebstes Kleid, vielleicht ihr einziges. Es hatte überall Flicken, welche schlecht aufgenäht waren, hatte Löcher und die Ärmel und der Rocksaum waren zerschlissen und eingerissen.
Darunter schauten in ausgetretenen braunen Schuhen ihre zierlichen Füße hervor.
Unter ihrem zu dünnen Kleid zeichneten sich ihre kleinen spitzen Brüste ab, welche sich mit jedem der kurzen Atemstöße leicht hoben und senkten. Ihre Hüftknochen stachen deutlich hervor und bei stärkeren Windböen sah man ihre Rippen, wenn sich der dünne Stoff an ihren Körper schmiegte.
Dann legte sie immer ihre Ärmchen um sich und versuchte sich so vor der Kälte zu schützen.
Wie gern hätte ich sie gewärmt.
Sie hatte mir einmal eine Blume geschenkt als ich an ihrem Tischchen vorbeiging. Eine blaue Blume war es, die Blüte noch in der Knospe verborgen.
Sie sagte mir mit leiser Stimme, dass ich sie gut pflegen solle.
Niemals zuvor und auch nie wieder danach hörte ich sie mit jemand sprechen, niemand sonst schenkte sie ein Wort mit dieser hellen Mädchenstimme.
Auch ich hörte dieses Stimmchen nicht mehr.
Ich pflegte das Blümchen wie sie es gesagt hatte, doch als ich ihr die voll erblühte Pracht zeigen wollte war sie weg.
Das Tischchen war weg, der wackelige Stuhl, ihre Blumen.
Sie war gegangen und ich hatte ihr nicht helfen können.

 

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