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Die Zeitung

Das Drehgeräusch des Schlüssels in der Eingangstür ließ sie das Telefongespräch abrupt beenden. Hastig legte sie den Hörer auf, dann stand er auch schon vor ihr. Abschätzend musterte er sie.
„Ach, wohl wieder rumgequatscht, was? Sicher mit deiner bekloppten Freundin!“
Sie schüttelte energisch den Kopf. „Aber nein, ich weiß doch, dass du es nicht magst, wenn ich mit Dorthe telefoniere!“
„Ja dann“, er machte sich in der Küche breit. „Wo bleibt mein Essen!“
Sie beeilte sich, um ihm eine Ladung Futter auf den Teller zu häufen. Wusste sie doch aus schmerzlicher Erfahrung, dass er nach der Arbeit sofort sein Essen erwartete. Anschließend, gesättigt, gab er sich einigermaßen umgänglich.
Sie servierte ihm die Mahlzeit und setzte sich ihm gegenüber auf die Eckbank.
„Du“, begann sie zögernd.
Er schaute kurz von seinem Teller auf, schaufelte dann weiter.
„Du, sag mal“, fuhr sie zögernd fort, „wäre es schlimm, wenn ich nachher noch kurz weg gehe? Nur auf einen Kaffee ins Bistro?“
Sie hielt den Atem an, denn er war unberechenbar. Manchmal zuckte er brummend die Schultern, bekundete so seine Zustimmung. Allerdings konnte er auch ohne Vorwarnung völlig anders reagieren. Langsam ließ er die Gabel sinken und fixierte sie.
„Ach, die Dame hat wohl nicht genug Arbeit? Man möchte also nachher noch ausgehen und mein Geld verplempern?“
Das war eine schamlose Übertreibung, denn sie hatte sich lediglich auf einen Kaffee mit ihrer Freundin verabredet. Aber er ließ sich nicht mehr bremsen.
„Und mit der Bescheuerten triffst du dich sicher auch?“ Seine Stimme wurde lauter. „Was hat sie vor? Will sie dich wieder gegen mich aufhetzen?“ Jetzt brüllte er. „Oder wollt ihr irgendwelche Kerle aufreißen?“
Die Küchentür ging auf und der jüngste Sohn schaute vorsichtig um die Ecke. „Hallo, alles klar?“
Sein Vater fixierte ihn kalt. „Was willst du?“
„Och, nix. Wollte nur hallo sagen“, mit diesen Worten schloss Hannes leise die Küchentür.
Sie seufzte erleichtert auf, denn es war mehr als einmal vorgekommen, dass der Vater seine Wut an dem Kind ausließ. Das sie entschlossen dazwischen trat und sich auch ein paar Ohrfeigen einfing.
„Ich möchte einfach mal raus und einen Kaffee trinken. Einige Mütter, die sich über ihre Kinder kennen, treffen sich und haben mich gefragt, ob ich auch dabei bin“, sagte sie entschlossen. Versuchte einen freundlich, neutralen Ton einzuschlagen um ihn nicht noch weiter zu reizen.
Er schien sich beruhigt zu haben, sprach jetzt leiser. „Ich wünsche nicht, dass du am Abend noch irgendwo hin gehst! Verstanden? Und jetzt, nachdem du mir mein Essen versaut hast, lass mich gefälligst in Ruhe die Zeitung lesen!“
Er griff demonstrativ nach der parat liegenden Tageszeitung und sie machte sich resigniert daran, seinen Teller abzuräumen. An diesem Abend würde sie das Haus nicht mehr verlassen. Früher hatte sie es probiert, war ohne seine Erlaubnis weggegangen und hatte anschließend seine Wut und Aggressivität zu spüren bekommen. In letzter Zeit resignierte sie häufig, gab es auf, sich mit ihm anzulegen.
Nachdem er die Zeitung studiert hatte ging er ins Wohnzimmer, um den Nachmittag und Abend vor dem Fernseher zu verbringen, nach kurzer Zeit einzuschlafen.
Sie war damit beschäftigt, seinen Teller zu spülen, als Hannes sie in den Arm nahm. „Er schnarcht schon, fürs erste kannst du aufatmen“, meinte er trocken.
Sie drückte ihren Jungen einen Moment an sich, dann fiel ihr Blick auf die achtlos auf den Fußboden geworfene Zeitung. Der Teil mit den Wohnungsanzeigen lag obenauf. Wie unter einem Zwang hob sie die Zeitung auf und schaute sich die Inserate an. Sie hatte schon öfter daran gedacht, jetzt sprach sie es zum ersten Mal laut aus.
„Was würdest du davon halten, mit mir in eine eigene Wohnung zu ziehen?“ begann sie vorsichtig.
Hannes stutzte einen Augenblick, dann strahlte er über das ganze Gesicht.
„Ich würde sagen, dass ich eine Menge Leute kenne, die uns bei dem Umzug helfen können…“

Für alle Interessierten:
Sie hat den Absprung geschafft, gerade noch rechtzeitig! Heute hat sie 500 % mehr Selbstbewusstsein und ist furchtbar glücklich – Hannes, nebenbei bemerkt, auch!

 

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Kommentar von: P.Böttcher 2011-02-05 12:07
Was bringt Frauen dazu, sich mit solchen Männern abzugeben?
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Kommentar von: Einsiedler 2011-02-05 15:02
Am Anfang ist es immer Liebe oder wenigstens soetwas wie Liebe und in den meisten Fällen geht es Schrittweise bis zu diesem Zustand. Wenn es soweit ist versuchen es die meisten Frauen auszuhalten. Einmal haben sie Angst und zum anderen hoffen sie, es wird wieder gut. Leider eine wahre Geschichte, weil sie so wahr ist und hundertfach geschieht. Hier mit dem gut tuenden Nachsatz, dass sie es geschafft hat auszubrechen und sich mit ihrem Sohn ein neues Leben aufzubauen. LG vom Einsiedler
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Kommentar von: Angie Pfeiffer 2011-02-06 20:59
Hallo mein lieber Einsiedler, besser hätte man es nicht in Worte fassen können, danke!Ganz liebe Grüße Angie
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Kommentar von: P.Böttcher 2011-02-07 13:19
Deine Geschichte gefällt mir so gut, daß ich nochmal für Diskussionsstof f sorgen möchte. Ein aktuelles Thema hast du prima beschrieben und den Ausweg gezeigt. Meine Erfahrung: "Mann" kommt nach Hause und ist schlecht gelaunt. "Frau" ist zu Hause in bester Stimmung. Das ärgert "Mann" so sehr, daß er sich abreagiert. Soll er sich doch auf's Fahrrad schwingen oder auf's Laufband.
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