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Nie wieder

Die Zeit verging plötzlich langsamer, wie in einer Zeitlupe. Alles erschien ihr unwirklich.

„Schade, das ist also das Ende unserer Ehe“, dachte sie und wunderte sich über sich selbst, weil sie noch in der Lage war, so realistisch zu denken, überhaupt zu denken. Während er weiter auf sie einprügelte, sie beschimpfte.

Er tat ihr Leid, denn er war so erbärmlich. Jetzt fühlte er sich stark, doch in Wirklichkeit war er so schwach, hatte so viel verloren. Seine Würde und Selbstachtung und die Achtung der Kinder. Die standen aneinandergeklammert in einer Zimmerecke, schluchzend. Beide fast so groß wie der Vater und trotzdem hilflos weinend, wieder ganz klein.

Sie ging unter seinen Schlägen in die Knie, jetzt wenigstens den Kopf mit den Armen schützend, denn er war dazu über gegangen, auf sie einzutreten. Wobei er weitere Unflätigkeiten brüllte, seinen Frust herausbrüllte und bei ihr ausließ.

Ihre Achtung hatte er schon lange verloren. Sie hatte zuerst nicht sehen wollen, was offensichtlich war. Dass er nur für sich selbst lebte, sie als Publikum auf seiner Bühne der Eitelkeiten brauchte. Die Kinder hin nahm, als notwendiges Übel betrachtete. Um sie zu halten, sie gefügig zu machen. Sie nahm seine schlechte Laune, seine Grobheiten in Kauf. Aus Liebe? Aus Gewohnheit? Oder weil sie sich ein Leben in Eigenverantwortlichkeit nicht vorstellen konnte?
Dann der Einschnitt: Eine Operation, der Herzstillstand, ein neues Leben. Ein paar geschenkte Jahre. Sie kam ins Grübel, dachte öfter an sich. Wollte nicht mehr nur Publikum sein, sondern selbst agieren. Das Leben endlich wieder spüren.
Er merkte schnell, dass sie sich veränderte. Versuchte diese neue, selbstbewusste Frau verschwinden zu lassen. Zunächst durch Ignoranz, später durch Drohungen. Schließlich, als er merkte, dass sie ihm unwiederbringlich davonfliegen würde machte er sich klein, bat und flehte. Aber da konnte sie schon nicht mehr zurück. Legte keinen Wert auf Sicherheit und auf ihn, wollte einfach nur noch weg, egal wohin!

Heute hatte sie ihm klar gemacht, dass sie ausziehen würde, bereits eine andere Bleibe hatte. Er war einfach ruhig sitzen geblieben, die Hände zwischen den Knien. Hatte sie scheinbar unbeteiligt angehört. Sein Schnapsglas schien ihn mehr zu interessieren als sie. Später hörte sie ihn vor sich hin murmeln. Doch da schien er schon volltrunken zu sein.
Sie schreckte mitten in der Nacht auf. Er stand schwankend vor ihrem Bett und griff nach ihr. Sie wich entsetzt zurück, doch er war für seinen Trunkenheitsgrad erstaunlich schnell.

Er hatte aufgehört auf sie einzuprügeln. Scheinbar war er von der ungewohnten körperlichen Aktivität erschöpft. Er trat ihr ein letztes Mal in die Rippen und wandte sich dann, unverständliches lallend, ab.
Sie blieb ruhig liegen, wartete bis er ins Schlafzimmer gewankt war.
Die Kinder halfen ihr auf und sie drückte beide fest an sich.

Seltsam, sie fühlte nichts. Die Schmerzen würden später kommen, das wusste sie. Gleichzeitig war sie erleichtert. Er hatte es ihr so leicht gemacht!

Sie würde davonfliegen und niemand würde ihr jemals wieder so weh tun.

 

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Kommentar von: Horst S. 2010-02-20 16:04
Eine unheimlich eindringliche Geschichte. Hoffendlich ist es "nur" eine.....
Trotzdem sehr positiv!!! Toll
LG Horst
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Kommentar von: almebo 2010-08-16 12:58
Liebe Angie, ja solche Situationen scheinen in der heutigen Zeit keine Seltenheit zu sein. Da bekommt man das kalte Frieren. Sehr eindringlich als Abschreckung beschrieben.
LG Alfred
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Kommentar von: Moni 2010-08-16 13:13
Hallo Angie, diese Frauen, die sich so etwas gefallen lassen wird es immer geben. Und sie denken bestimmt auch "Schade, das ist jetzt das Ende unserer Ehe." Meiner Schwiegermutter ging es auch so, leider. Und sie kann mir nicht sagen, warum sie solange blieb.l.G. moni
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