Der Zug
Ein Rumpeln reißt Marten jäh aus seinen Träumen. Die Sitzgelegenheit unter ihn schwankt bedrohlich. Im selben Moment werden Kopf und Körper gegen eine Wand geschleudert und weiter dagegen gepresst. Hinter dem Schmerz, der sein Bewusstsein durchzuckt, ist ein kratzend dröhnendes Geräusch zu vernehmen, als wenn zwei Körper mit großer Kraft aneinander reiben. Wieder rumpelt und schwankt es, dann löst sich der Druck. Er schwingt zurück.
Druck und Dröhnen sind fort. Die Schmerzen an Schläfe und Schulter sind es nicht. Als er die Augen öffnet, dringt gedämpftes Licht an seine Netzhaut. Also hat sich auch die Dunkelheit nur zum Teil verflüchtigt, stellt er mit einem grimmigen Frohlocken fest.
Marten sieht sich um.Vor sich hat er die Lehne eines Sitzes, aus dem ein Tischchen heraus geklappt werden kann. Neben sich noch einen Sitz, dann einen Gang und wieder eine Sitzreihe. Soweit er es überblicken kann nur Sitzreihen bis zu einer Wand...
Jetzt weiß er es wieder. Er weiß, dass er in so einem altmodischen Transportmittel sitzt. Er weiß, dass es „Zug“ genannt wird. Schwach kann er sich erinnern, dass es sich dabei um ein schienengebundenes Fahrzeug handelt. Teilen sich die Transportwege – also die Schienen, so geschieht das über eine sogenannte Weiche genannt wird. Über so etwas ist dieser Zug wohl gerade gefahren.
Über dem Schmerz, der durch seine Schläfe pocht, fragt er sich, was er in diesem Zug soll. Er weiß es nicht. Ebenso wenig wie die anderen Passagiere neben, vor und hinter ihm. Das entnimmt er Gesprächsfetzen, die ebenso gedämpft an sein Ohr dringen wie das Licht in seine Augen..
In engen Kurven windet sich der Zug durch ein Gebirge. Wieder ist dieses kratzende Dröhnen zu vernehmen. Zwischen den Bäumen kann man überdimensionale Blechbüchsen erkennen, die von einer sehr großen Kraft zerknüllt und verbogen worden sind. Erst auf den zweiten Blick wird ihm klar, dass es sich um Zugteile handelt. Zugteile wie jenes, in dem er sitzt. Marten beschleicht ein ungutes Gefühl. Just in diesem Moment gibt es eine Lautsprecherdurchsage, ihnen bliebe dieses Schicksal erspart. Es gäbe jetzt einen Tunnel zu dem Phänomen. Diese Aussage beruhigt ihn keineswegs. Marten fragt sich, wieviele Menschen in diesen Waggons wohl gestorben sind.
Das Phänomen. Marten grübelt. Was ist das für ein Phänomen? Ärgerlich muß er feststellen, dass er auch das nicht weiß. Von weiterem Grübeln wird er abgelenkt, weil es auf einmal heiß wird. Ist nur ihm heiß? Wiederum an den Mitpassagieren kann er erkennen, dass die Ursache nicht bei ihm liegt. Alle fangen auf einmal an zu schwitzen. Auch dringt von außen grünliches Licht in den Waggon.
In einer Kurve wird das grünliche Licht immer intensiver und heller, bis Marten einen Blick auf etwas erhaschen kann, was mit dem Wort „Phänomen“ wahrlich nicht anders zu beschreiben ist. Hinter einem Sattel im Gebirge schießt ein grünlicher Strahl aus der Erde in den Himmel. Dieser Blick dauert höchstens eine Zehntel Sekunde, und Marten beschleicht der Verdacht, dass die Möglichkeit des Sehens alles andere als gewollt ist von jenen, die diese Strecke hier haben erbauen lassen und und ihn in diesem Zug platziert haben.
Die Sicht wird unvermittelt abgeschnitten. Ebenso unvermittelt wird es wieder kühler. Das grüne Licht ist weg. Sie sind wohl in den erwähnten Tunnel eingefahren. Nicht lange danach kommt der Zug zum Stehen, und alle kommen der Aufforderung zum Verlassen des Zuges nach. Wie Schafe, die zur Schlachtbank geführt werden. So kommt es Marten vor.
Der Strom der Menschen verzweigt sich. Bald findet sich Marten ganz allein in einem Raum wieder, der angefüllt ist mit Spinden und Bänken. Erhellt wird dieser Raum eher notdürftig von in Gittern eingefassten Glühlampen. Noch altertümlicher als der Zug.
Das alles ist von einer Trostlosigkeit und einer kalten Konsequenz, dass er, nach dem sein Spind gefunden ist, sich bar jeden Gefühls umzieht, um in den Tod zu gehen. Denn nichts anderes erwartet ihn hier. Er weiß jetzt, wo er sich befindet.
„Hallo Chris!“, hört er hinter sich eine sanfte weibliche Stimme. Als er sich umdreht, sitzt auf der Bank eine junge Frau, das zarte Gesicht von kurzen dunkelblonden Haaren umrahmt, die Beine übereinander geschlagen, mit einem grauen Overall bekleidet. Ohrstecker mit stechend grünen Smaragden fallen ihm besonders auf.
Marten nickt nur. Es gibt nichts zu sagen. Er weiß jetzt wirklich alles. Sie werden seinen letzten Weg zusammen gehen. In der Zeit, die ihm bleibt, hat er die Aufgabe, Teile für den Emitter eines Eindämmungsfeldes zu montieren. Als ob das was bringen würde! Zu viele Menschen tot und keine messbares Ergebnis bisher.
Ihn wird es umbringen. Falsch! Es wird sie beide umbringen. Aber sie wird neu leben. Sie ist ein Klon. Dieser Strahl aus der Erde – das Phänomen - ist der Jet eines Schwarzen Loches, das den Kern der Erde auffrißt. Sie befinden sich in der Nähe der alten Stadt Genf, am Large Hadron Collider – kurz LHC.