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Zucker für die Ameisen

Du olle Tiertöterin“, Johannes war den Tränen nahe. „Wie konntest du diese schöne Spinne bloß tot hauen?“
Einigermaßen genervt musterte ich meinen Jüngst geborenen. Seit der Knabe seine Tierliebe entdeckt hatte, machte er wegen jedem plattgehauenen Insekt einen Riesenaufstand. Jeden Morgen nahm er sein Marmeladenglas mit den Luftlöchern im Deckel mit zum Kindergarten, um dort eifrig Insekten zu fangen und sie stundenlang zu beobachten. Dabei schüttelte er das Glas von Zeit zu Zeit, um den zu Tode erschrockenen und erstarrten Insekten wieder Leben einzuhauchen.
Jetzt also regte er sich wegen einer erlegten Spinne auf und ich bemühte mich um Geduld.
„Wenn ich das nächste Mal eine Spinne sehe, dann rufe ich dich einfach und du sammelst sie für mich ein!“ und weil ich meinen Johannes kannte und wusste, was jetzt kommen würde nahm ich ihm gleich den Wind aus den Segeln. „Wenn du gerade im Kindergarten bist, dann warte ich so lange bis du wieder zu Hause bist und rühre das Tier nicht an, versprochen!“
Der Knabe zog die Nase hoch und schien mit meiner Erklärung zufrieden zu sein.
Ein paar Tage später machte mich mein Erstgeborener auf einige Ameisen aufmerksam, die völlig planlos im Kinderzimmer herum wuselten.
„Seltsam“, dachte ich, denn wie sollten Ameisen ausgerechnet in unsere Wohnung im ersten Stock kommen?
„Ooch, ich habe schön öfter welche im Kinderzimmer gefunden. Ich glaube Johannes züchtet sie“, meinte Sven trocken. Offensichtlich waren seinem jüngeren Bruder ein paar Krabbeltiere entwischt. Genervt setzte ich der Ameisenwuselei unter Zuhilfenahme des Staubsaugers ein Ende. Anschließend nahm ich den kleinen Tierfreund ins Gebet.
„Hör mal, Johannes, du musst wirklich besser aufpassen, damit die Insekten im Glas bleiben. Er geht nicht, dass sie in der Wohnung herumlaufen!“
Der Knabe schaute mich treuherzig an. „Das hat mir Marcus Mutter auch gesagt, aber sie hat sehr laut gesprochen. Dabei sind mir nur ein paar Käfer weggelaufen, als ich sie Marcus zeigen wollte.“
Wie sich herausstellte, hatte der angehende Insektenforscher ein ganzes Glas voller ekeliger schwarzer Käfer im Kinderzimmer seines besten Freundes ausgekippt. Das veranlasste Marcus Schwestern dazu, laut quiekend, Schutz bei ihrer Mutter zu suchen, die einen hysterischen Anfall bekam und Johannes ein Hausverbot erteilte. Kein Wunder, dass diese Nachbarin mich nicht mehr grüßte...
Nach der leidigen Geschichte versprach mir der Knabe hoch und heilig, in Zukunft keine Insekten mehr in die Wohnung zu bringen.
***

Es war Sonntagnachmittag und wir hatten ein schönes Wochenende in unserem Schrebergarten verbracht. Jetzt schloss ich die Wohnungstür auf und ließ meine Lieben eintreten.
„Urks“, irgendwie standen alle Drei wie versteinert in der Diele und gaben merkwürdige Laute von sich. Ein Blick genügte um zu verstehen warum: Aus dem Kinderzimmer ergoss sich eine breite Ameisenstraße bis in die Küche, wo die schwarze Flut in meinem Vorratsschrank verschwand.
Hilfesuchend blickte ich auf den Herrn des Hauses, der die Invasion mit starrem Blick fixierte und augenscheinlich nicht fassen konnte, was hier geschah. Schließlich schien er zu begreifen, denn er lief von unten nach oben knallrot an. Auch Johannes registrierte, dass sein Vater kurz vor einer gewaltigen Explosion stand. „Ich geh dann mal bei Markus klingeln“, und weg war er.
Ich packte mir den Staubsauger und rückte dem Ameisenheer zuleibe, das sich in Windeseile hinter die Holzwand im Kinderzimmer in Sicherheit brachte. Anschließend streute ich eine dicke Lage Backpulver vor die Holzwand und die dort eingekesselte Armee. Das musste bis zum Montagmorgen reichen, dann wollte ich den Ameisen mit Gift zuleibe rücken.
Nach getaner Arbeit musterte ich meinen Erstgeborenen, der mir interessiert zugeschaut hatte, prüfend. Der stotterte gleich eine Erklärung: „Ich hab‘s dir doch gesagt! Johannes hat sie mitgebracht und mit Zucker gefüttert. Er wollte ein Experiment machen!“
Das war dem Knaben wirklich gelungen!
Wie dem auch sei, jetzt brachte ich mich auch nicht mehr aufregen. Die Gefahr war fürs Erste gebannt und morgen würde ich weitersehen. Vorsichtig schielte ich um die Ecke ins Wohnzimmer, denn dorthin hatte sich der Herr des Hauses zurückgezogen. Ich konnte erleichtert feststellen, dass er nicht mehr hyperventilierte, jedenfalls nicht mehr so schlimm wie noch vor meiner Ameisen-Bändigungsaktion.
„Weißt du was, Sven, geh doch mal nach unten und schau nach deinem Bruder. Sag ihm, er soll lieber bis sieben Uhr draußen bleiben. Bis dahin hat sich euer Vater vollends beruhigt.“
Sven nickte ernsthaft. „Klar Mama, ich kümmere nich darum und ich pass ein bisschen auf Johannes auf!“
Zur Abendbrotzeit lugte das personifizierte schlechte Gewissen um die Ecke.
„Na, Mama, sind die Ameisen weg?“
Unwillkürlich musste ich lachen, denn die zerknirschte Miene passte so gar nicht zu meinem sommersprossigen und stoppelhaarigen Lausebengel. Der grinste schon wieder, vorsichtshalber ein wenig schuldbewusst.
„Hör mal, du Ameisenbändiger, eigentlich müsste ich dir den Hosenboden stramm ziehen. Jetzt isst du etwas und dann gehst du ins Bett. Heute kommst du deinem Vater besser nicht in die Quere.“
Johannes seufzte tief. „Ich glaube Papa mag keine Insekten, was?“
Womit er wohl Recht hatte…

 

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