Grenzgänger
Wenn sich meine Verwandten aus West-Berlin ankündigten, wartete ich meistens auf einer Bank an der Bornholmer Brücke auf sie. Sherry saß neben mir, und wir beobachteten die Autokolonne, die sich langsam von Westen her durch das Nadelöhr der Grenzanlage schob. Von weitem erkannte ich ihr Auto und winkte ihnen zu. Meistens machten wir gemeinsam einen Spaziergang ehe wir es uns bei mir zuhause gemütlich machten.
Christiane und Günter hatten mir einige Bücher über Hundeerziehung mitgebracht, die ich mit Interesse studierte, und die Methoden dann auch erfolgreich anwandte. Die Stunden mit meinen Verwandten waren eine willkommene Abwechslung. Viel zu schnell gingen sie vorbei, und meine Gäste mussten wieder zurück in den Westen. Sherry und ich begleiteten sie dann bis zur Grenze. Arglos ließ ich meinen Hund nebenher laufen. Er kannte die Gegend an der Bornholmer Brücke, wo wir uns voneinander verabschiedeten. Ich wollte mit Sherry noch ein bisschen spazieren gehen, winkte den Abreisenden noch einmal zu, als sie durch die Sperranlagen verschwanden. Plötzlich, ich weiß nicht, was meinen Hund geritten hat, rannte er hinter ihnen her, am Zoll vorbei und über die Brücke. Ich rief, ich brüllte: „Cherry Cheeerrry!“ Mein Hund reagierte nicht. Fassungslos sah ich zu, wie sein schwarzes Hinterteil durch die Grenzanlage in Richtung Westen verschwand. Wie versteinert stand ich da, während die Umstehenden lachten. Mir schnürte es die Kehle zu. Was sollte ich machen? Ich konnte meinen Hund doch nicht einfach laufen lassen! Beherzt ging ich an das Zollhäuschen: „Mein Hund ist in den Westen gelaufen. Ich muss ihn zurückholen.“
„Sie wollen doch wohl nicht…?“
„ Ja ich will…“.
„Das war jetzt wohl ein Scherz?“ Der Zollbeamte sah mich mit prüfendem Blick an.
„Von meiner Seite ist es kein Scherz.“
Jetzt schien der Zöllner verunsichert. Sollte er Verstärkung rufen, mich festnehmen, etwa wegen versuchter Republikflucht? Ich blieb auf der Ostseite und sah, wie sich noch immer eine endlose Blechschlange von Westen herüber schob. In meinem Kopf kreisten tausend Gedanken. Sollte ich einfach rüber laufen und meinen Sherry zwischen den Grenzanlagen suchen? Dann hätten die Grenzer womöglich auf mich geschossen. Sollte ich ihn einfach laufen lassen? Dann wäre sicher mein Hund von einem der Grenzsoldaten erschossen worden. Verzweifelt schweifte mein Blick über die Grenzanlage. Nein, Sherry war nicht mehr zu sehen. Während ich noch wie angewurzelt dastand, riss ein Autofahrer die Wagentür auf.
„Da drüben flitzt ein herrenloser Hund.”
Ich ging ein paar Schritte vor und sah den Rücken eines schwarzen Hundes, der zwischen den Befestigungsanlagen umherirrte. „Sherry!“ rief ich, so laut ich konnte, als mein Hund den Kopf hob. Ja, er war es. Und noch einmal rief ich: „Cherry!“ In Windeseile rannte mein Hund auf das Zollhäuschen zu und dann durch die Sperre. Wieder sprang eine Autotür auf und eine Männerstimme rief: „Na, du Grenzgänger!“
Ich fasste den Ausreißer am Halsband.
„Cherry“, mehr konnte ich nicht sagen. Der Angstschweiß auf stand mir auf der Stirn.
„Da haben Sie aber Glück gehabt“, warnte mich der Grenzer, „normalerweise müssen wir schießen.“
„Sie werden doch wohl nicht auf einen Hund schießen!“
„Auch hier haben wir unsere Vorschriften.“
„Na ja, - klar“, dachte ich bei mir, „was bist du doch für ein Spießer!“
Jetzt, wo der Schrecken im Verzug war, fasste ich Mut.
„Wollen Sie mir noch eine Moralpredigt halten? Sie können jetzt sagen was Sie wollen. Mein Hund ist zurückgekommen von ganz allein. Hätten Sie nicht gedacht, wie? Das nächste Mal hänge ich ihm eine Tasche und ein Portemonnaie um den Hals und schicke ihn in den Westen zum Einkaufen.“
Die Umstehenden bekundeten mir Beifall mit herzhaftem Gelächter, während der Grenzer mit hochrotem Kopf aufstand und ging, hatte wohl Schichtwechsel.
„Sparen Sie sich doch Ihre Belehrungen!“ rief ich noch hinter ihm her. Er aber reagierte nicht mehr drauf. Mit dem Zöllner hatte ich seitdem nie wieder etwas zu tun, auch seinen Namen weiß ich nicht, aber ich erinnere mich an sein Gesicht. Ab und zu hatte ich ihn abends wankend aus einer Kneipe kommen sehen. Er gehörte eben zu denen, die ihre Arbeit gründlich und gewissenhaft machten. An diese Begegnung denke ich noch oft zurück, wenn ich an der Bornholmer Brücke stehe, wo es heute – Gott sei Dank - für Mensch und Hund keine Grenzanlagen mehr gibt.