Der Heiratsvermittler
„Ein treuer Hund ist der beste Lebenspartner“, war immer Peters Devise. In diesem Punkt muß ich ihm völlig Recht geben, denn ohne mich, seinem rehbraunen Cockerspaniel, verliefe sein Leben noch heute recht eintönig. Ich heiße übrigens Beethoven. Diesen berühmten Namen gab mir Peter wegen meiner langen, lockigen Ohren, auf die ich sehr stolz bin. Auch Peter könnte stolz auf sich sein, denn was Aussehen und Charme betraf, so hätte er bei Frauen alle Chancen gehabt, wäre er nicht ein so eingefleischter Junggeselle gewesen. Ich bin es allerdings immer noch. Und wenn ich an seinen zwei Metern Höhe aufblickte, und von ganz oben mir zwei liebevolle blaue Augen unter einem Blondschopf entgegen schauten, dann wußte ich: „ Ich und Peter, - wir sind unzertrennlich bis das der Tod uns scheidet.“ Keine Frau hätte je unser eingefahrenes Leben aus der Bahn werfen können.
Die einzige Frau in unserem Leben war unsere Nachbarin Elly Paulsen. Sie wohnte gleich nebenan. Peter erledigte für sie die Einkäufe und ich trug ihr die Zeitung in die Wohnung. Zur Belohnung bekam ich dann ein Stückchen Leberwurst und durfte mich anschließend zu ihr in den warmen Sessel kuscheln. Bei ihr blieb ich oft den ganzen Tag, bis Peter von der Arbeit nach Hause kam. Nachmittags gingen Elly und ich in den Park hinunter. Elly saß dann auf einer Bank und ich tollte mit meinen Artgenossen umher. Die alte Dame mochte mich gern, denn mit ihren achtundsiebzig Jahren bot ihr das Leben kaum noch Abwechslung.
Eines Tages stand ein großes Auto vor unserem Haus. Zwei Männer schleppten Ellys Möbel aus ihrer Wohnung bis nichts mehr drin stand. Elly zog zu ihrer Tochter. Beim Abschied strich sie mir liebevoll über das Fell. „Mach’s gut mein Kleiner“, sagte sie, und ich spürte, daß es ein Abschied für immer war. Mich stimmte das sehr traurig, und sicher auch Peter.
Von nun an begleitete ich Peter täglich zu seinem Arbeitsplatz, denn seit Elly fort war, wurde es Zuhause recht einsam um mich. Oft dachte ich bei mir: „Es muß doch wieder eine Frau ins Haus. Dabei dachte ich auch an Peter, denn das Leben eines Steuerberaters ist doch ohne ein weibliches Wesen recht langweilig.“ Ich lag unter Peters Schreibtisch und wartete sehnsüchtig auf den Feierabend, wobei ich dann bei einem zweistündigen Waldspaziergang auf meine Kosten kam. Dafür begleitete ich Peter zweimal in der Woche zum Stammtisch. War doch Ehrensache, denn bis auf einige Ausnahmen, machten wir alles gemeinsam. Und daran sollte sich niemals etwas ändern!
Die Wandlung kam schneller, als ich gedacht hatte, denn in Elly’s Wohnung wurde es wieder lebendig. Ein Möbelwagen hielt vor unserem Haus. Ich lag vor der Korridortür und beobachtete, was in der Nachbarwohnung vor sich ging. Kräftige Männer schleppten neue Möbel hinein. Dieser Geruch war für mich völlig fremd, und auch die schwarzen Stöckelschuhe mit den hautengen Jeans, die vor meinen Augen hin und her liefen. Diese Bluejeans mußte ich näher kennenlernen. Mit Peter war das nicht zu machen. Er hatte sich bereits zum perfekten Eigenbrötler entwickelt. Also mußte ich die Sache in die Pfote nehmen.
Der Zufall war mir wohl gesonnen. Als ich eines Abends die Treppe hinauf lief, sah ich, daß die Wohnungstür unserer neuen Nachbarin offen stand. Ehe Peter es bemerkte, war ich drin. Alles schnupperte so neu, der Fußboden, die Wände und auch die Möbel. Und da standen auch die schwarzen Schuhe mit den Jeans vor mir. Ein freundliches Gesicht mit einer blond gelockten Pferdeschwanzfrisur beugte sich zu mir hinunter. Blondes Haar und blaue Augen – es könnte Peter gewesen sein, aber diesmal war es eine Frau.
„Na mein Kleiner, wo kommst du denn her?“ Ihre zarte Stimme klang wie Musik in meinen Ohren.
„Hunde mag sie also“, dachte ich, und so setzte ich mich brav vor ihre Füße und streckte ihr meine Pfote entgegen. Schließlich kenne ich mich in der Hunde-Etikette recht gut aus.
„Ob sie mir wohl ein Stückchen Leberwurst gibt?“ Nein, aber eine Scheibe Jagdwurst tat’s auch.
„Sonst noch etwas?“ Ich sah die Blonde mit dem treuesten und unschuldigsten Blick an.
„Das konnte doch nicht alles sein!“ dachte ich.
Sie stellte mir ein Schüsselchen mit Fleischsalat hin. Es war zwar nicht das richtige Hundefutter, aber ich genoß ihre Großzügigkeit in vollen Zügen. Obwohl mir der Fleischsalat später wie ein Stein im Magen lag, so hatte ich doch den ersten Schritt getan. Zufrieden begab ich mich mit Mayonnaise gestylten Ohren nach nebenan. Die blonde Dame klingelte an Peters Wohnungstür.
„Gestatten Sie, Sybille Mertens. Ich bin Ihre neue Nachbarin. Ihr Hund hat mir soeben einen Besuch abgestattet. Ein drolliger Kerl ist das.“
Verlegen lächelnd sagte Peter: „Angenehm, Martinsen. Ich hoffe, mein Hund hat Ihnen keine Unannehmlichkeiten bereitet.
„Aber ganz und gar nicht“, beteuerte Sybille Mertens.
„Dann ist es ja gut“, bemerkte Peter beruhigt, „danke, und einen schönen Tag noch.“
Danach fiel die Tür ins Schloß und ich bekam von Peter eine saftige Rüge. Die Mayonnaise an meinen Ohren hatte wohl meinen Ausrutscher verraten. Dabei wollte ich doch nur...
Nein, mein Herrchen hatte mich nicht verstanden. Da mußte ich mir schon etwas Deftigeres einfallen lassen...
Es war Samstag. Frau Sybille kam soeben von Einkaufen zurück. Ich weiß nicht warum sie gerade an diesem Tag ihren Einkaufskorb vor ihrer Tür abgestellt hatte. Aus dem Korb duftete es nach frischem Rindfleisch. Da soll sich ein Hund noch beherrschen können, wenn beim Duft nach frischem Fleisch ihm das ihm Wasser aus dem Maul tropft.
Ich griff einfach zu, legte mich vor ihre Tür und genoß den vorgezogenen Sonntagsbraten.
„Da sieh mal einer an“, hörte ich plötzlich eine weibliche Stimme über mir. Und als ich aufsah, blickte ich in das schmunzelnde Gesicht meiner sympathischen Nachbarin. Peter muß wohl die Tragödie mitbekommen haben, denn jetzt stand auch er fassungslos in der Tür. „Du verdammtes Mißtvieh“, wollte er wohl gerade sagen, aber dazu kam er erst gar nicht, denn Sybille drehte sich lächelnd halbwegs zu Peter um und sagte: „Für Schadenersatzansprüche muß ich mich wohl an dein Herrchen wenden...“
Den Schadenersatz an Sybille leistete Peter in einem kleinen Restaurant mit Kerzenlicht und lauschiger Atmosphäre.
Wie vom Blitzschlag getroffen, war Peter seit jenem Abend wie umgewandelt. Seine Augen strahlten, wenn er Sybille Mertens begegnete, und er ließ keine Gelegenheit aus, sich mit ihr zu treffen. Ob im Theater, im Kino oder Restaurant, die Zeit mit ihr zählte zu den schönsten Begebenheiten seines Lebens, denn erst jetzt spürte er, welch schöne Stunden der Zweisamkeit er in seinem bisherigen Leben versäumt hatte.
Einmal hatte Sybille uns in ihre neue Wohnung eingeladen – immerhin soll man ja gute Nachbarschaft pflegen. Aber dieses Mal schien es mehr als eine gute Nachbarschaft zu sein. Ich machte mir so meinen Reim daraus.
Sybille hatte „Ente kroß“ für uns zubereitet nach einem chinesischen Rezept, wie sie sagte. Genauer gesagt für Peter und für sich, denn ich war bei dieser Tafelrunde ausgeschlossen. Sybille und Peter plauderten den ganzen Abend miteinander. Was macht schon ein armer Hund, wenn sich zwei Menschen so interessiert miteinander beschäftigen, daß sie die Welt rings umher vergessen? Was in aller Welt hatte ich Peter und mir mit Sybille eingebrockt? Ich inspizierte ihre Wohnung. Alles roch so neu, die Tapeten, der Fußboden und was noch so alles drin stand. Ein schwarzer Vorhang, der mit einer Goldkordel zur Seite gerafft war, weckte meine Neugierde. Ich schlüpfte hindurch und entdeckte ein breites Bett auf dem eine weiße Flauschdecke lag. Hier hatte ich ein Plätzchen zum Schlafen und Träumen. Wie lange ich dort geträumt hatte, weiß ich nicht mehr. Plötzlich spürte ich einen festen Griff in meinem Nackenfell. Es war Sybille, die mich ein wenig unsanft von der Wolkendecke auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Ich war also in ihre Privatsphäre eingedrungen, was sie durchaus nicht schätzte. Und Peter bot wieder einmal seinen ganzen Charme auf, um uns aus dieser peinlichen Lage zu heraus zu katapultieren.
Unser Dreieinigkeitsverhältnis, so glaube ich, dauerte einige Monate. Oft machten Peter und Sybille lange Waldspaziergänge, wobei ich voll auf meine Kosten kam. Ich sah mich nach ihnen um. Sie waren ein weites Stück hinter mir. Eng umschlungen standen sie da, wie zu einer Einheit verschmolzen. Für mich schienen sie mal wieder keine Zeit zu haben. „Sollen sie doch“, dachte ich. Immerhin hatte ich meine Freiheit. Hier war ich Hund – hier durfte ich sein...
Meine Nase saugte den Duft von frischem Gras, alten Stämmen und zarten Sträuchern ein. Aber war das? Ich schnupperte auf der Stelle. Ja, mein Geruchssinn täuschte mich nicht. War ich einem Kaninchen auf der Spur? Jetzt packte mich das Jagdfieber und ich holte alles aus mir heraus, was ich an Schnelligkeit aufbieten konnte. Ich rannte und rannte, getragen von einem Gedanken: „Nur jetzt nicht aufgeben, gleich hast du es erwischt.“ Ich war ihm dicht auf den Fersen – gleich hatte ich es – eine letzte Anstrengung – ein Satz – und - ich landete im Wasser. Die Spur des Kaninchens war weg, und ich schwamm durch das Wasser, rings um hohe Mauern und über mir der blaue Himmel. Ich schwamm und schwamm und nirgends wo bot sich eine Möglichkeit herauszukommen. Alles war nun dahin, das Kaninchen, Peter und Sybille. Ich spürte, wie meine Kräfte dahinschwanden. „Also, Beethoven“, sagte ich zu mir, das war’s dann wohl.“ Plötzlich spürte ich wieder einen festen Griff in meinem Nackenfell. Es war derselbe wie neulich im Schlafzimmer von Sybille. Und sie war es, die in letzter Minute mein armes Hundeleben rettete. Gleich darauf kam auch Peter. Er und Sybille mußten mich wohl schon eine Zeit lang gesucht haben. Wie ein triefendes Häufchen Elend und zitternd vor Kälte hielt mich Sybille in ihrem Arm. „Eine halbe Stunde später, und Dein Beethoven wäre ertrunken“, sagte sie, indem sie mir mein nasses Fell glättete. Wie glücklich Peter über Sybilles Rettungsaktion war, kann ich gar nicht beschreiben. Sie nahm mich mit in ihre Wohnung, wickelte mich in eine warme Decke und legte mich in die Sofaecke. Ich schlotterte vor Kälte und vielleicht auch von dem Schrecken.
Nach einer Weile kam Peter herein. Er hielt einen großen Strauß roter Rosen in der Hand. Sybille und Peter umarmten und küßten sich sehr lange. Ich dachte: „ Die fressen sich gegenseitig.“ Und dann – ich traute meinen Augen nicht – da gingen die beiden durch den schwarzen Vorhang in das kleine Zimmer.
„Nanu“, dachte ich, „mich hatte sie doch aus ihrer Privatsphäre heraus geschmissen. Und dem Peter war der Zutritt des Tabubezirks auf einmal erlaubt? Da kenne sich ein Hund bei den Menschen aus. Sicher wird es lange dauern, bis die da wieder herauskommen.“
Ich wollte über die Reaktionen der Menschen nicht weiter nachdenken, denn ich hatte genug von dem Abenteuer an diesem Nachmittag. So kuschelte ich mich in meine Decke und schlief bald ein.
Und nun liege ich in meinem Korb und warte auf Peter und Sybille, denn die sind heute auf dem Standesamt. Und wenn sie wieder kommen, dann feiern wir ein großes Fest und es gibt viel zu Essen. Und von dem Rinderbraten bekomme ich ein großes Stück zur Belohnung. Das steht mir doch wohl zu, denn schließlich habe ja ich dem Peter zu seiner Sybille verholfen – oder?
© Ursula Menzel -
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