Ein seltsamer Gast
Unser geordnetes Leben konnte nichts und niemand erschüttern. Wir besaßen eine schöne Wohnung an der Bornholmer Brücke. Peter hatte einen festen Job. Als Fernfahrer war er meistens nachts unterwegs. Ich arbeitete tagsüber in einem Restaurantbetrieb. Es schien so, als liefe unser Leben wie ein Präzisionsuhrwerk ab. Das änderte sich schlagartig an jenem Abend, als ein kleines Hundewesen unseren festgelegten Tagesablauf und mein Verhältnis zu Hunden total auf den Kopf stellte.
Ich war gerade von der Arbeit nach Hause gekommen. Ein wenig müde ließ ich mich auf die Couch nieder. „Endlich Feierabend“, dachte ich nach einem anstrengenden Tag. Die freien Stunden wollte ich so richtig genießen. Plötzlich stand Peter in der Wohnzimmertür, was mich ziemlich verwunderte. Eigentlich mußte er schon wieder mit seinem LKW unterwegs sein. Der Grund seines verspäteten Aufbruchs war etwas kleines Schwarzes das unvermutet um meine Beine wuselte - vier kurze Beine, daran vier prächtige schwarze Pfoten – und das auf meinem guten Teppich, der sooo viel Geld gekostet hatte. Ich war schockiert.
„Nanu, haben wir Besuch?“ fragte ich Peter ein wenig gereizt.
„Besuch? Den – Peter deutete auf das schwarze Etwas – habe ich mitgebracht. Fast hätte ich ihn gestern Nacht überfahren. Stell dir vor, ein kleiner schwarzer Hund läuft in der Dunkelheit vor die Räder meines LKW. Ich konnte soeben noch stoppen - war äußerst knapp“
Peters tugendhaftes Verhalten stellte mich vor ein Problem. Hunde waren nicht meine Welt. Ebenso wenig paßten sie in unseren Tagesablauf. Nun aber stand diese vierbeinige Kreatur vor mir – eine Situation, mit der ich mich bei allem guten Willen nicht abfinden konnte.
„Peter“, sagte ich energisch, „was soll das? Ich gehe den ganzen Tag arbeiten und du die ganze Nacht. Einen Hund, schön und gut, aber nicht wenn man tagsüber aus dem Hause ist. Wo soll ich den Kleinen unterbringen wenn du tagsüber schlafen mußt? Alleine bleiben kann er nicht.“
Anscheinend hatte Peter sich die Konsequenzen nicht überlegt. Glücklich darüber, dem armen Kerl das Leben gerettet zu haben, hatte er ihn einfach mitgebracht. Was sollte ich machen? Ich ging, wie gewohnt, am nächsten Tag zur Arbeit und ließ den Hund erst mal zuhause. Ein Hund in einem Gastronomiebetrieb? Ausgeschlossen! Nein, der Hund muß wieder aus dem Haus! Was also blieb meinem Peter übrig, als für den Welpen eine neue Bleibe zu suchen.
Die Neuigkeit von meinem unerwünschten Gast mußte ich gleich meinen Kollegen erzählen. Auf die Frage, wo ich ihn denn während meiner Abwesenheit untergebracht hätte, erzählte ich unbefangen: „Der wartet in meiner Wohnung bis ich nach Hause komme.“ Die entsetzten Gesichter meiner Kollegen kann ich kaum beschreiben. Es hagelte es die schlimmsten Vorwürfe.
„Einen Welpen, mutterseelenallein, und das in einer fremden Wohnung. Bist du von allen guten Geistern verlassen?“
Was blieb mir also übrig, als den Kleinen zu holen! Alle Köche und Kellner bewunderten das kleine schwarze Etwas, aus dem zwei kohlrabenschwarze Augen ängstlich die Belegschaft anstarrten. „Ist der süß!“ schwärmten meine Kollegen.
„So niedlich wie der Kleine ist, und jetzt noch in die Jackentasche paßt - der wird ein Labrador und an Größe kräftig zulegen.“
„Und wenn schon. Ich würde ihn behalten.“ In diesem Punkt waren meine Kollegen einer Meinung.
„Wie heißt denn der Kleine?“
Ich ahnte, daß diese Frage irgendwann kommen mußte. Sollte ich sagen: „Über einen Namen habe ich mir keine Gedanken gemacht, weil ich den Hund eh nicht behalten will?“ Dann wäre vielleicht die nächste Salve von Vorwürfen auf mich hernieder geprasselt. Der Gedankenblitz kam gerade zur rechten Zeit.
„Er heißt Cherry.“
„Cherry – was für ein hübscher Name“, schwärmten meine Kollegen, strichen meinem Hund über den Rücken und kraulten sein Fell. Ihre Zuneigung zu dem kleinen schwarzen Wesen hatte mich irgendwie berührt. Plötzlich war der Hund keine namenlose Kreatur mehr, und von nun an wurde er mein Cherry.
Eine ganze Woche verging, als Peter mir eines Abends sichtlich erleichtert offenbarte: „Ich habe jemanden für Cherry. Sicher wird er es bei der neuen Familie gut haben.“
„Nein“, widersprach ich energisch, „nur über meine Leiche.“
Peter starrte mich verdutzt an. „Du willst ihn behalten?“
„Und ob – den gebe ich nicht mehr her.“
Niemals hätte ich gedacht, daß so ein kleines Wesen mein Leben und meine Einstellung über Nacht verändern könnte. Jetzt war ich sogar bereit, mich mit Hundeaufzucht und –erziehung zu beschäftigen. Was wußte ich von alldem? Zuerst steckte ich feste Ziele ab. „Ins Schlafzimmer kommt er nicht. Dort hat ein Hund nichts zu suchen.“ So richtete ich für Cherry ein Körbchen im Flur ein, mit der Folge, daß er fortwährend jaulte und ich nach einer schlaflosen Nacht völlig gerädert zu Arbeit ging. Nicht im entferntesten dachte ich daran, daß ein Hundebaby noch seine Mutter braucht, die ich ihm ersetzen mußte.
„Jetzt reicht´ s“, dachte ich, wickelte den Hund in eine Decke und legte ihn neben mein Kopfkissen, so daß er meine Nähe spürte. Seitdem hatte ich nachts einen artigen Hund. „Wenn du schon einen Hund hast“, so dachte ich bei mir, „brauchst du auch irgendwann einen Tierarzt, für den Fall aller Fälle.“ Der Fürsorgepflicht gehorchend, führte mein nächster Weg zu einem Tierarzt nach Pankow. Dort ließ ich Cherry impfen und auch gleich einen Gesundheitsscheck machen. Schließlich sollte alles seine Ordnung haben. Trotzdem blieben viele Fragen für mich offen. „Wie ernähre ich einen Welpen? Wie bekomme ich ihn sauber?“ Fragen über Fragen. Ich erinnerte mich an eine Bekannte, die auch so ein kleines Haustier hatte. Voller Stolz erzählte ich ihr: „Du, ich habe jetzt einen Welpen. Wie ernähre ich ihn? Birgit sah mich verdutzt an.
„Du – einen Welpen?“ Wie bist gerade du auf einen Hund gekommen?“ So erzählte ich meiner Freundin die kuriose Geschichte.
„Ja, wie du ihn ernährst“, sagte sie nachdenklich. „Denk an mein Baby. Vier Mahlzeiten am Tag. Den Haferbrei ergänzt du nach und nach mit Fleisch. Und denk daran, ein Baby - wenn’s wach wird, muß es – wenn’s gegessen hat, muß es…“
Birgit hatte gut reden. Sie lebte in einem Einfamilienhaus und ließ ihren Hund zum Verrichten seiner Geschäfte mal eben in den Garten. Ich dagegen wohnte im vierten Stock, natürlich ohne Fahrstuhl. Ich habe zuletzt nicht mehr gezählt, wie oft ich tagsüber, und manchmal auch nachts, die Treppen hinunter und wieder herauf gelaufen bin – dazu häufig mit Eimer und Wischlappen. Mit einer gehörigen Portion Disziplin bekam ich Cherry innerhalb der ersten vier Wochen sauber. So mußte ich nur noch alle drei bis vier Stunden mit ihm nach draußen gehen. Oft fragten mich die Nachbarn: „Was macht denn unser Hausgenosse?“ Ja, sie nahmen regen Anteil, fragten hier, mahnten dort, aber so richtig Ärger hat es nie gegeben. Cherry hatte es eben sehr schnell begriffen und meldete sich, wenn er raus mußte.