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War das ein Aprilscherz?

Max und Marlene lebten als unzertrennliche Geschwister schon viele Jahre bei ihren Menschen und sind bei ihnen alt geworden. Max, ein kohlrabenschwarzer Dackelmix mit ergrauter Schnauze, Marlene, eine kleine rundliche Allerweltsmischlingshündin, deren Rasse niemand genau definieren konnte. Bei ihren Menschen, Renate und Paul Ahrens (Namen geändert) genossen sie ein unbeschwertes Hundeleben, und ganz gewiß wollten sie dies auch bei ihnen beschließen. Ebenso dachten ihre Besitzer, bis zu dem Zeitpunkt, als Renate Ahrens plötzlich einen Schlaganfall erlitt und zum Pflegefall wurde. Mit einem solchen Zwischenfall hatten die Ahrens nicht gerechnet. Mit der Pflege seiner Frau war Paul Ahrens, der selbst seit Jahren kränkelte, bei weitem überfordert. So war es für die betagten Menschen absolut kein leichter Entschluß ihre vertraute Wohnung mit dem Pflegeheim zu tauschen. Viel schlimmer aber war die Sorge: “Was wird nun aus Max und Marlene?” Die Heimleitung duldete keine Haustiere.
“Wo kämen wir da hin, wenn jeder seinen Hund, seine Katze oder sonst ein Streicheltier mitbrächte?” Wer also sollte künftig für Max und Marlene sorgen? Für die beiden Hunde blieb das Tierheim und die Hoffnung schnell ein neues Zuhause zu finden.
“Max und Marlene sind unzertrennlich. Ihr dürft sie nur gemeinsam vermitteln”, bat das betagte Ehepaar, als es sich vor dem Tierheim von ihren beiden Schützlingen für immer verabschiedete.
Im Tierheim teilten sich Max und Marlene einen gemeinsamen Zwinger. Geteiltes Leid ist halbes Leid, und wenn sie sich schon von ihren geliebten Menschen trennen mußten, so blieben sie wenigstens im Tierheim zusammen.
Mit der gemeinsamen Vermittlung aber, war das so eine Sache. Eines Tages - Max und Marlene hatten sich kaum eingewöhnt, - traten zwei Menschen an ihren Zwinger. Glücklicher Zufall! Sollten die beiden Hunde ein neues Zuhause finden? Eine leise Stimme sprach Marlene an, und dann glitt eine Hand sanft über ihren Rücken. Die Frau machte eine Leine an Marlenes Halsband fest, und Marlene ging mit ihr.
Max stand am Gitter und schaute ihr nach. Warum durfte er nicht mit gehen? Hatten sie nicht immer zusammengehört – er und Marlene? Ein Hundeverstand kann das nur schwer begreifen. Es war Spätherbst, als Marlene ging, und Max blieb nun allein im Zwinger zurück. Seine Geduld war beispielhaft. Jeden Tag stand er am Gitter und wartete - wartete auf Marlene. “Wann kommt sie zurück?”
Es vergingen Tage, Wochen - Marlene blieb fort. Hatte sie ihren Max vergessen?
Der Winter kam mit Regen, Schnee und Frost. Während zu dieser Jahreszeit sich die meisten Hunde in ihren schützenden Behausungen aufhielten, stand Max in der Kälte und wartete. Auf keinen Fall durfte er den Moment verpassen, wenn Marlene wiederkam. Aber Max wartete vergebens draußen vor dem Gitter. Aus dem kleinen Kuschel- und Stubenhund war jetzt ein richtiger Wetterhund geworden.


Das Ende des Winters sollte eigentlich auch für Max den Tierheimaufenthalt beenden. An einem kalten, aber sonnigen Februartag fand sich auch für ihn eine Familie. Aber schon Tage danach brachten ihn seine Menschen wieder zurück ins Tierheim - Grund: “Der hat Jeden gebissen.”
“Wie gemein doch das Leben ist!” Max muß es wohl so empfunden haben, denn von Stund an fraß er nichts mehr. Da konnten die Tierpfleger sich noch so bemühen, der kleine Max hatte ein für alle mal aufgehört zu fressen. Es war wohl seine Art, sich der Ungerechtigkeit der Menschen zu wehren.
Mit Sorge beobachteten die Tierpfleger wie der neue Heimkehrer mehr und mehr an Gewicht verlor. Nach einigen Wochen Hungerstreik wog Max nur noch ganze fünf Kilo. Das war knapp die Hälfte seines Normalgewichts.
“Wenn der nicht bald aus dem Tierheim kommt, wer weiß... Der wird uns hier verhungern!”

Zwecks späterer Vermittlung

Der Zustand des kleinen Max schlug Alarm. Er mußte aus dem Zwinger, noch bevor Schlimmeres passierte. Sein Bild ging durch die Zeitung, und sicher lasen viele Tierfreunde seinen Steckbrief im Internet. Hinweise im Supermarkt sollten auf die mißliche Lage von Mäxchen aufmerksam machen. Dennoch, ein geeigneter Partner fand sich für Max nicht.
Zum Warten blieb keine Zeit mehr. Es mußte gehandelt werden, und zwar sofort. So nahm ihn die ehrenamtliche Mitarbeiterin Bärbel erst einmal mit nach Hause in der Hoffnung, ihn so schnell wie möglich zu vermitteln. Dabei hatte Bärbel schon einen Hund, ebenfalls mit Namen Max. Doch für eine Tierschützerin ist ein Zweithund nichts Ungewöhnliches.
Und so lernte ich den Max kennen, an einem sonnigen Apriltag. Ach du lieber Himmel”, bemerkte ich entsetzt, “dem stehen ja die blanken Rippen heraus”, Und was sonst noch an Gerüchten um den kleinen Max kreiste... “Der hat Jeden gebissen.” Ob es tatsächlich so war? Max jedenfalls sah nicht gerade wie ein Beißer aus. Eingerollt auf einem Stuhl saß er neben mir, müde vom Streß und von den Erlebnissen der vergangenen Monate, aber glücklich, irgendwo zuhause zu sein.
Wir tranken erst einmal Kaffee und gingen dann mit Max und Max spazieren, wobei wir die Hunde frei laufen ließen. Auch der kleine Max lief tadellos, und auf unsere Rufzeichen gehorchte er sofort. Vor uns lag die Siedlung still und friedlich, als hätte sie an diesem Tag noch kein einziges Auto gesehen. Lediglich ein Schornsteinfeger auf seinem Moped war das einzige Motorengeräusch, was uns begegnete. Ein bißchen Ruß von seiner Jacke hätte uns sicher Glück bringen können. Aber ehe wir auch nur einen Zipfel von seinem Ärmel zu fassen kriegten, knatterte er schon an uns vorbei. Jetzt aber trat Klein-Max in Aktion. Wie ein Habicht rannte er hinter dem Glücksbringer her und erwischte ihn voll am Hosenbein. Warum sollte nicht auch mal ein Hund seinem Glück kräftig auf die Sprünge helfen?
Aus einem verrußten Gesicht sahen mich zwei erschrockene Augen an. Mit einem plötzlichen Überfall hatte der Mann mit dem schwarzen Zylinder gewiß nicht gerechnet.

“Entschuldigen Sie”, sagte ich etwas verlegen, “ich habe ihn erst heute aus dem Tierheim geholt.”
„Na ja, es ist ja weiter nichts passiert. Übrigens ist es ja meine Arbeitshose.”
Gott sei Dank! Der Glücksbringer war ein Tierfreund. Und wenn er uns heute begegnet, dann steht ein freundliches Lächeln auf seinem Gesicht. Unsere Anwesenheit wird ihn wohl noch lange an diesen Vorfall erinnern.
Der Schornsteinfeger war nicht der einzige Mann mit Biß. Ein anderes Mal hatte es Max auf das Hinterteil eines Landarbeiters abgesehen. Das Beste hängt immer ganz oben, da braucht ein Hund schon gute Sprunggelenke. Und stehen die Beine noch so hoch, was hindert einen Hund wie Max daran, an die hintersten Backen heranzukommen. Immerhin fließt in ihm das Blut eines Dackels.
“Au! Das hat aber weh getan”, hörte ich eine Stimme.
“Ist mir aber peinlich”, entschuldigte ich mich, “das hat der Hund noch nie gemacht.”
“Sei froh, daß ich ein Tierfreund bin”, wandte sich der Mann dem Vierbeiner zu. Doch fast im selben Moment tönte eine Frauenstimme: “Hast du richtig gemacht, Max. Mein Mann kann das gebrauchen.”
Meistens waren es Männer in Arbeitskluft, deren Hosen der Max zum Fressen gern hatte. So war es mal wieder die Hose eines LKW Fahrers, oder wußte Max tatsächlich, wer hin und wieder einen Biß “verdient” hatte?
Die Sache mit Max war, wie gesagt, eine Übergangslösung. Während meine Nachbarin arbeitete, erklärte ich mich bereit, den Max tagsüber so lange zu betreuen, bis er fest vermittelt war.
Am nächsten Morgen traf ich mich mit Bärbel, wobei wir erst einmal mit den Hunden die traditionelle Runde drehten. Alsdann folgte der “fliegende Wechsel”. Schnell nahm ich Klein-Max an die Leine, während Bärbel mit ihrem Max nach Hause ging. Ein sehnsüchtiges Jaulen konnte Mäxchen nicht unterdrücken.
“Komm, wir drehen noch eine Runde”, beruhigte ich ihn.
Zuhause gab ich ihm eine Decke, und dann legte er sich auf die Couch und sah mich dabei fragend an. Ich strich ihm über das dünne Fell, wobei ich jeden einzelnen Knochen spürte. Danach rollte mein Gast sich ein und schlief. So tief hatte er wohl lange nicht mehr geschlafen.
Als Max aufwachte, gab ich ihm zu fressen. Alle drei Stunden bekam er einen Klecks Futter. Ich beobachtete wie gierig er es in sich hineinschlang. Nach seinen Anstalten hätte die Portion größer sein können. Ich sagte ihm aber: “Junge, das gibt es nicht. Dein kleiner Magen ist so entwöhnt. Du spuckst mir alles wieder aus.”

Abends kam Bärbel mit ihrem Max zu mir.
“Nun komm mal her, Mäxchen”, lockte sie ihn, indem sie ihm etwas Futter entgegenhielt. Zu unserem Erstaunen verschwand Max gleich darauf hinter meinen Füßen.
“Nanu?” Bärbel sah mich verwundert an, worauf ich mit den Achseln zuckte und ihr klar machte: “Ich habe nichts dazu getan.”
Zwei kleine Hundeaugen sahen mich an, als stellten sie mir die Frage “Wie nun, muß ich wieder weg?”

Wir beschlossen einen gemeinsamen Spaziergang bei dem sich Max an seine Pflegerin Bärbel wieder gewöhnen sollte. Ab und zu rief ich Max heran, worauf er gleich zu mir kam und mir mit seinem ganzen Körper Freude zeigte.
Wir näherten uns der Siedlung. Max lief voran als wäre ihm die Strecke schon lange bekannt. Vor meiner Haustür blieb er stehen. Bärbel lachte: “Den wirst du nicht mehr los.”
“Oh nein, tu mir das nicht an”, flehte ich sie an, “das ist soo´n kleener Krümel, nein, das ist nicht meine Welt.” Immerhin war ich doch weitaus größere Hunde gewohnt.
Dennoch blieb Max diese eine Nach über bei mir. Er kuschelte sich an mich und ging mir nicht mehr von der Pelle. Er folgte mir auf Schritt und Tritt. Nur in den Keller traute er sich nicht. Es müssen wohl frühe Erfahrungen gewesen sein, die ihn vom Untergeschoß fern hielten. Da legte er sich lieber in seinen Korb und wartete, bis ich wiederkam.

Es verging eine Woche und mir wurde mehr und mehr klar: “Max hat mich gefunden.” Er hat sich seinen Menschen ausgesucht. Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, den Max weiter zu vermitteln. Und für Max wäre es auch nicht gut gewesen. So gestand ich kurzum meiner Nachbarin: “Verstehst du, den gebe ich nicht mehr her.”
Alles Weitere war nur noch eine Formalität. Als ich im Tierheim den Pflegevertrag unterschrieb schmunzelte der Tierheimleiter: “Hab´ doch gleich gesagt, das ich ein Hund für Frau L.”

Max ist heute ein “schwerer Junge” von elf Kilo und ein selbstbewußter Rüde. Wer seine Stimme hört, vergleicht ihn leicht mit einem Rottweiler. Oft fragen mich die Leute: “Ist der Max gewachsen?” Das muß ich natürlich entschieden verneinen, denn ein Hund, der inzwischen sechzehn Jahre alt ist, wächst bekanntlich nicht mehr.
Auch Mäxchens Tierarzt, der ihn laufend betreut, war nach eingehender Untersuchung mit seiner Gesundheit sehr zufrieden. Na ja, eine leichte Lanitop, die sein Herz unterstützt, bekommt er regelmäßig. Denn immerhin ist er nicht mehr ganz jung und soll mir noch lange Freude bereiten.

Wenn ich das Tierheim besuche, geht Max natürlich mit. Immer wieder freuen sich die Mitarbeiter über ein Wiedersehen mit ihrem ehemaligen „Sorgenkind“, das nun wieder auf allen vier Pfoten im HundeLeben steht. Seinen großen Auftritt hatte Max im Sommer 2004 am „Tag der offenen Tür“ als er an der Agility-Hundeparade teilnahm und als Senior von stolzen 14 Hundejahren den 1. Preis davon trug. Für Max hat das Tierheim seinen Schrecken verloren, denn er weiß, in einen Zwinger kommt er nicht mehr.

© Ursula Menzel -

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Kommentar von: almebo 2009-12-21 23:59
Eine wunderschöne Tier-Story, die mir sehr gefallen hat! 5 Punkte zum Dank!
herzlichst almebo
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