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Das Nest in der Hundehütte

Ich weiß nicht mehr genau, wann Strolch zu uns kam. Er war einfach da und gehörte zur Familie. Strolch war ein weißer Spitz, und wenn er hechelte und uns dabei mit seinen kohlrabenschwarzen, lustigen Augen anschaute, dann sah es so aus, als lachte er spitzbübisch mit seinem ganzen Gesicht. Fast täglich begleitete er uns auf dem Schulweg, mischte sich auf dem Schulhof als einziger Vierbeiner unter ein paar Dutzend Kinderbeine, beschnupperte die Schuhe der Lehrer, und wenn die Schulglocke zum Unterricht rief, machte er sich wieder auf den Heimweg.

Auf unserem Hof, dem sich ein großer Garten anschloß, genoß Strolch ein freies Leben. Dies dankte er seinen Menschen, indem er im Hof und Keller die Mäuse fing, oder im Gemüsegarten nach Hamstern und Wühlmäusen buddelte. Das wiederum mißfiel seinen Menschen, und so wurde Strolch in den Obstgarten verwiesen, der mit einem hohen Drahtzaum umgeben war. Dieses Areal teilte er mit zwanzig weißen Hühnern und einem stattlichen Hahn. Seinen Jagdtrieb konnte er auch hier ausleben, denn das Körnerfutter lockte zahlreiche Mäuse an. Die Hauptmahlzeiten hielt die Küche bereit, oder das, was vom Tisch übrig geblieben war.
Strolch ging im Hühnerstall ein und aus, ohne, daß er einem Huhn jemals etwas zuleide getan hätte. Mittlerweile hatte er statt der Feldmäuse und neben der Hausmannskost aus der Küche eine andere kulinarische Spezialität entdeckt.
Als Großvater eines Tages feststellte, daß keine Eier mehr in den Nestern lagen, faßte er den Entschluß alle Hühner zu schlachten. Sie seien wohl zu alt, meinte er. Und wenn sie schon keine Eier mehr produzierten, dann wären sie nur noch für Frikassee brauchbar. Als Mutter die ersten Fünf gerupft, ausgenommen und gesäubert hatte, mußte sie feststellen, daß die gefiederten Genossen noch sehr legefähig gewesen wären. Unzählige Eier befanden sich noch am Eierstock, und einige davon waren schon so entwickelt, daß sie am nächsten Tag hätten im Nest liegen können. Diese Feststellung hatte das restliche Federvieh vor dem Schafott bewahrt. Dennoch blieb das Rätsel um die leeren Hühnernester. Sollte da jemand sein, der sich heimlich Eier beschafft? Nun nahm Großvater den Hühnerstall ins Visier und war fest entschlossen, den Dieb zu fassen und ihn zur Rede zu stellen. Der Erfolg, aber auch die Überraschung sollte sich bald einstellen. Eines Morgens beobachtete Großvater, wie ein weißer Spitz aus dem Hühnerstall schlich. Er hatte sich soeben sein „Frühstücksei“ geholt. „Oh Strolch, das hättest Du besser nicht machen sollen!“ Sein Delikt brachte ihn hinter „Gitter“. Großvater baute einen hohen Zaun um die Hundehütte.

Daß Strolch sein Gefängnis nicht so ohne weiteres hinnahm, lag auf der „Pfote“. Sofort machte er sich in der Nähe des Zaunes an die Arbeit und kratze die Erde weg, daß es nur so spritzte. Daß er mit Strebsamkeit ein Meister im Tunnelgraben war, hatte er ja schon im Gemüsegarten bewiesen. Strolch grub nun unermüdlich, aber um selbst unter dem Zaun durchschlüpfen zu können, stand ihm noch ein hartes Stück Arbeit bevor. Bei einer Probe auf Exempel hätte er nur halb hindurchgepaßt.
Eines Tages bekam unser Spitz Besuch von einem Huhn. Es hatte den Gang unter dem Zaun entdeckt und bediente sich an der Hundetränke. Strolch zeigte sich großzügig. So hatte er sich mit der Zeit bei seinen gefiederten Freunden einen Namen als „Gastgeber“ gemacht, denn immer häufiger tummelten sich die Hühner um und in seiner Hütte. Unser Spitz hatte nichts dagegen. Ja er gestattete es ihnen sogar, dort ein Nest zu bauen. Derweil lag Strolch vor seiner Hütte und sonnte sich. Und wenn mit lautem Gegacker ein Huhn herauskam, dann ging er hinein und nahm seine Zwischenmahlzeit ein, die ihm täglich in Form von frischen Eiern frei Haus geliefert wurde.

 

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Kommentar von: Petra 2011-07-02 17:55
Eine süße Tiergeschichte. Vielen Dank. Hat mir sehr viel Freude bereitet, sie zu lesen. :-)
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