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Im Reich der verstoßenen Tiere

Ein Feldweg führt zu einem Gelände außerhalb des Ortes. Unser Gespräch findet im Vorzelt statt, umgeben von etlichen Hundezwingern. Lautstarkes Bellen, Jaulen und Fiepen begleiten unseren Dialog. „Ich habe einen Gnadenhof“, sagt Gisela Voß, oder sagen wir besser, ein großes Tierreich.“ Zur Zeit sind es „nur“ 80 Hunde. Es waren schon mehr.
Bei einer solchen Anzahl kann man schon vom Rudel sprechen, das zu ihrem Urverhalten zurückgefunden hat. Sie sind nicht die einzigen Vierfüßler, die hier Zuflucht fanden. Auf dem zehn Hektar großen Gelände tummeln sich etliche Pferde, Esel, Ponys, Ziegen mit ihren Jungen, Katzen, Gänse, eine Schar Orpington-Hühner, einer vom Aussterben bedrohten Rasse. Jedes Tier könnte hier sein eigenes Schicksal erzählen. Vor vier Jahren hat sich die Tierliebhaberin in der Nähe von Liebenwalde bescheiden eingerichtet. „Hier draußen stören die Hunde niemanden“, sagt sie.

Was andere wegwerfen…

Der jämmerlich maunzende „Pappkarton“, den Unbekannte vor ihren Eingang stellten; Gisela Voß nimmt sich der Katzenbabys an und zieht sie mit der Flasche groß.
Der Hund, der verletzt an der Straße lieg; die Tierretterin nimmt ihn mit und bewahrt ihn vorm Verenden. „Ich bin für solche Fälle gerüstet “, verrät Gisela Voß, „mein Medikamentenschrank ist mittlerweile so groß, wie der meines Tierarztes, der immer präsent ist, wenn es um die Gesundheit meiner Tiere geht.“ Die Hundetrainerin, mit Tieren aufgewachsen, nimmt sich der Geschöpfe an, die von unserer Wegwerfgesellschaft aus den verschiedensten Gründen „entsorgt“ werden. Sie fragt nicht mehr nach dem Warum. Sie und ihre Helfer tun es aus Idealismus, und nicht zuletzt aus dem Verantwortungsbewußtsein unserer schutzbefohlenen Kreatur Tier gegenüber. „Irgendwann fing es mal mit ein paar Hunden an“, erzählt Gisela Voß. Längst hat sie die Auslaufgehege um ein vielfaches erweitert.

Ordnung muß sein

Im Rudel nimmt jeder Hund seinen Platz ein, in dem er eine bestimmte Aufgabe erfüllt. Hasso, Senta oder Satan, Lumpi, Blauauge oder Weißpfote, ihre Pflegerin kennt sie alle und ruft sie mit Namen, Kose- und Spitznamen. Hier dürfen sie Hund sein, solange sie leben. In der Struktur vom Welpen bis zum Alttier prägt sich ein beispielhaftes Sozialverhalten. „Opa“, der sechzehnjährige Schäferhund-Mix genießt inmitten seines Rudels als Ältester einen tierisch guten Lebensabend.
Kommt ein neuer Hund hinzu, begutachtet ihn zuerst Leithündin Brenda. Nimmt die Chefin den Neuling an, akzeptiert ihn das gesamte Rudel. Andernfalls geht der Newcomer erst einmal in ein gesondertes Gehege. Jeder Hund muß sich der Truppe anpassen. Der Starke wird von seinen Artgenossen zurechtgestutzt, der Schwache aufgebaut.

Mahlzeit nach Art und Rang

Daß der Hund von seinem Ursprung her ein Fleischfresser ist, liegt auf der „Pfote“. Diesem Naturtrieb folgend, füttert die Tierpflegerin frische Schlachtabfälle, die ihr eine Fleischerei spendet. „Bei dem Fleischverzehr kommt schon das Gewicht einer ganzen Kuh zusammen“, taxiert Gisela Voß. Zwischendurch gibt es Trockenfutter. Bei der Futterverteilung rangiert Leithündin Brenda an oberster Stelle. Sogar ihr männlicher Ranggenosse, Jack wartet ab, bis sie ihn ans Futter läßt. Danach darf sich der Rest der Meute bedienen. „Dennoch sind Rangeleien aus Futterneid keine Seltenheit“, berichtet die Eigentümerin. Mit Hundeverständnis hat sie solche Raufereien schnell im Griff. Sie selbst übernimmt dann die Rolle der Leithündin. In scharfem Ton weist sie alle Hunde zurück, und „verteidigt ihren Anteil“. Erst wenn die Meute sich beruhigt hat, dürfen Alle fressen, und dann läuft es gesittet nach Rangordnung.
Wer so intensiv mit Hunden lebt, kann ihr „Denken“ nachempfinden. „So etwas kann man nicht lernen – man hat es in sich“ erklärt die Hundeflüsterin.

Nachwuchs nicht ausgeschlossen

Unter den 80 Hunden tummeln sich auch ein paar Welpen aus verschiedenen Würfen und etliche Junghunde. Sie werden, wie es die Natur vorsieht, nicht nur von der Mutter, sondern auch von Ziehmüttern genährt. Oft hängt das Überleben der Welpen von der zusätzlichen Fürsorge der Ammen ab, denn einem Welpen ist es egal, woher die Milch kommt. Bereits im zarten Alter von drei Wochen werden die Welpen an artgerechtes Fressen herangeführt, das ihnen die Junghunde vorlegen. „Das Säugealter liegt allgemein bei zwölf Wochen. „ Es kommt aber auch vor, daß ältere Welpen versuchen hier und da eine Zitze zu erwischen“, berichtet Gisela Voß. Es ist eben der bequemere Weg der Nahrungssuche. Die „Halbstarken“ übernehmen die Aufgabe der Erziehung in der „Kinderstube“. Von ihnen lernen die Kleinen die Kunst der Verteidigung, und das Zusammen- und Überleben im Rudel.

Jedem seinen Kuschelplatz

Bevor die kalte Jahreszeit beginnt, beziehen die Tiere feste Gebäude. Dennoch entscheidet jedes Tier nach Art und Rasse, wo es überwintern will. So kann es passieren, daß einige Hunde, wie ihre Urväter, Höhlen bevorzugen. Andere wiederum schätzen die Couch im Wohnzimmer. In den acht Wohnräumen stehen derer genug zur Verfügung, sodaß keiner auf ein warmes Plätzchen verzichten muß. Streicheleinheiten gibt es gratis. Bei aller Arbeit - soviel Zeit muß sein. Da gibt es schon mal Rangeleien aus Eifersucht. „Jeder will bei Mama sein“, sagt die Tierliebhaberin lächelnd. Die Hunde buhlen um die Gunst ihres Menschen.

Feierabend gibt es nicht

„Die Arbeit mit meinen Tieren erfordert einen 24-Stunden-Tag“, sagt Gisela Voß. Doch wer hält das auf Dauer durch? Eine Helferin und ein Helfer stehen ihr zur Seite. Dennoch, die Arbeit macht ihr Freude, selbst dann, wenn sie auch nachts gefordert wird. Und das kommt nicht selten vor, sei es daß eines ihrer Tiere erkrankt oder eine Hündin gerade wirft. So richtig Feierabend gibt es nicht. Die Tiere verlangen ihr Recht, und die Rentnerin kommt dem gerne nach.

Viel Idealismus

Zu einer solchen Arbeit gehört eine gehörige Portion Idealismus, wie Gisela Voß es zugibt. Die Unterbringung, Futterbeschaffung, und Tierarztkosten, all das ist von einer Rente nicht finanzierbar, wären da nicht die Helfer, die ihr mit freiwilligen Zuwendungen jeglicher Art unter die Arme greifen. Hier und da kann sie einen Junghund vermitteln. Sie gewöhnen sich schnell in eine Familie. Die meisten aber, bleiben im Gnadenhof. Für „Langinsassen“ und ältere Hunde ist die Umstellung vom Ur-Hund zum Familienhund schwieriger. So beschießen sie ihr Leben im. „Tierreich“ verrät die Hundeflüsterin.

Für gute Taten nicht nur Lob

Ohne Zweifel verdient Gisela Voß Anerkennung für ihr „tierisches“ Engagement.
Wer sich für das Wohl der Tiere einsetzt, macht auch mit Menschen seine Erfahrungen. Für Gisela Voß waren diese oft enttäuschend. „Aber es gibt auch Menschen, mit denen ich immer in Kontakt stehe“, die mir nette Dankesbriefe schreiben. Und das baut mich wieder auf.“

 

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Kommentar von: Angie Pfeiffer 2010-11-30 15:50
Ich helfe ab und zu im Tierheim aus und weiß genau, wovon hier die Rede ist, wie unbarmherzig Menschen sein können. Das treibt einem zuweilen die Tränen in die Augen. Ganz liebe Grüße und 5 ** von Angie
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