Abendsonne
Vorwort
Als ich die Zeitung vom Tierheim in der Hand hielt, in der Rolf mit einem Leserbrief abgebildet war, glaubte ich einen Augenblick lang, er stünde wieder neben mir. Dabei hatte ich ein paar Tage zuvor seine Urne in die Erde gegraben. Sie bekam einen besonderen Platz neben der Terrasse dort, wo im Frühjahr und den ganzen Sommer über die Blumen blühen.
Unsere gemeinsame Zeit war viel zu kurz. Und auch sein Alter habe ich manchmal übersehen. Ich hätte uns beiden sicher noch ein paar gemeinsame Jahre gewünscht. Aber ich erinnere mich dankbar an zehn glückliche Monate, die wir miteinander verbrachten.
Dass Rolf dann so krank wurde - damit hatte wohl niemand gerechnet, auch das Tierheim nicht.
Ja, ich erinnere mich noch genau an den Tag, als ich den Rolf aus dem Tierheim holte. Und das war so...
“Nie wieder einen Hund.” Mein Entschluss stand wie ein Bollwerk. Die Trennung von meinem Labradorrüden Cherry, der mich viele Jahre begleitet hatte, tat noch lange weh. Niemals hätte ich mich an einen anderen Hund, gewöhnen können, so glaubte ich.
Doch dann bat eines Tages eine gute Freundin: “Nun entschließ dich doch mal. Da ist so ein kleiner Hund, der Hansi, der muss aus dem Tierheim. Er ist schon so lange dort.” Ja, die Bärbel, sie kümmert sich ehrenamtlich um die armen Seelen im Tierasyl.
Wie oft hatte sie schon den Versuch gestartet, mich zu einem neuen Hund zu ermuntern. Meistens ohne Erfolg. Doch dieses eine Mal ging ich mit - nicht mit der Absicht mir einen Hund zu holen, Nein, es war mehr aus Freundschaft oder – sagen wir – Gefälligkeit.
Wir gingen auf dem Tierheimgelände spazieren, und ich sah in die vielen flehenden Hundeaugen hinter den Gitterstäben. “Hätte ich nur Platz genug dann nähme ich sie alle mit”, dachte ich bei mir. Dann sah ich mir die Hunde in der Tierheimzeitschrift an, die zur Vermittlung angeboten wurden. Da war auf einer Seite ein schwarzer Labrador abgebildet.
Wer ist denn das?” fragte ich.
“Das ist der Rolf.”
“Rolf?”
Ich hätte schwören können, es war mein Sherry, der mich da aus der Zeitung ansah. Und plötzlich war alles ganz anders...
Cherry war auf einmal wieder lebendig.
Eigentlich wollte ich mir den Hansi ansehen. Aber irgendwie kam ich nicht mehr dazu.
Wir fuhren vom Tierheim nach Hause - ohne Hund. Aber immer wieder musste ich an Rolf denken. Und es gab Momente, da glaubte ich, mein Cherry säße dort hinter den Gitterstäben und wartete auf mich...
Ja, wie ich nun zu meinem Rolf kam? Da lasse ich ihn besser selbst erzählen.
Lebensabend hinter Gittern?
Mein Altersruhesitz befand sich in einem Tierheim, von Wäldern umgeben, in der wunderschönen Ladeburger Heidelandschaft. Obgleich ein Tierasyl nicht der ideale Platz für den Lebensabend eines Hundes ist, fand ich dort nach stürmischen Zeiten eine Zufluchtsstätte. Ich war nicht mehr ganz jung, “Baujahr 1988” schätzte der Heimtierarzt.
Von meiner Vergangenheit möchte ich Dir lieber nicht erzählen. Die liegt weit zurück und ich möchte sie vergessen.
Es war Mitte September, und die Nächte wurden kühl. Genauer gesagt, am 17. September 1998 fanden mich Menschen irgendwo im Barnimer Land und brachten mich hierher ins Tierheim Ladeburg. Ich kam in einen Zwinger - nicht gerade der Himmel auf Erden, jedoch besser als ein Streunerleben.
Von der reizvollen Landschaft sah ich nur dann etwas, wenn meine Pfleger mich ausführten. Die übrige Zeit lag ich in meiner Behausung. Die Menschen hatten mir die, ganz am Ende der Reihe gegeben, weil ich schon alt war und meine Ruhe brauchte, womit sie ja Recht hatten. Ich wurde bei ihnen als Fundhund geführt. Mein Steckbrief verriet nicht sehr viel über mich, außer, dass ich leinenführig, hunde- und katzenverträglich, menschenbezogen, anhänglich und kinderlieb bin. Mit diesen Eigenschaften hätte ich schnell ein neues Zuhause gefunden, aber es gab da noch eine Kehrseite. Als Labrador-Mix bin nicht das, was man einen Schoßhund nennt. Auch mein kohlrabenschwarzes Fell war wohl nicht jedermanns Sache. Außerdem war ich alt und taub und das konnte meine Charakterisierung nicht verschweigen.
In den darauf folgenden Monaten beobachtete ich die vielen Menschen, die an meiner Tür stehen blieben, meinen Aushang lasen und - vorbeigingen. Wer wollte schon einen alten Hund, der nicht einmal mehr Hörzeichen wahrnahm?
Meine Pfleger waren gut zu mir, und ich fühlte, sie mochten mich sehr. Sicher hatten sie auch Mitleid, oder zumindest hätten sie mir einen besseren Lebensabend gewünscht, als mein Leben hinter Gittern zu beschließen.
Der Tierheimalltag lief vor mir ab, ohne dass ich besondere Notiz davon nahm. Ich hatte mich in meine eigene Welt zurückgezogen. Der Tierarzt besuchte mich regelmäßig. Ja, wenn man so alt ist wie ich, da muss man schon auf seine Gesundheit achten. Ach ja, da war noch eine Abwechslung, an die ich mich gerne erinnerte. Wenn der Pfleger kam, mit der knisternden Tüte in der Hand, dann steckte er mir ein Leckerli durch die Stäbe.
Im Großen und Ganzen hatte ich mich damit abgefunden, mein irdisches Dasein in diesem Zwinger zu beschließen. Was konnte ein Hund wie ich noch vom Leben erwarten?
…und doch eine Chance
Ich weiß nicht, warum ich mich an diesem Tag, draußen aufhielt, noch dazu bei launischem Aprilwetter.
Gewöhnlich lag ich auf meinem Schlafplatz, und träumte vor mich hin. Einige Leute standen vor meinem Zaun. Ich beobachtete, wie eine Frau meinen Steckbrief las. Zuerst dachte ich, sie geht vorbei, so wie viele Andere es auch taten. Aber sie blieb stehen und sah mich an, als hätte sie mich schon von irgendwoher gekannt. Aufmerksam registrierte ich ihren gütigen Blick. Sicher mochte sie Hunde. Vielleicht auch einen, wie mich? Nein, ich bin zu alt. Gespannt beobachtete ich, wie sie eine Leine vom Haken nahm. Sollt sie wirklich mit mir...?
“Lass das sein. Das ist ein Zwingerhund, alt und taub und nicht einmal stubenrein. Den kriegst du nicht sauber.”
Doch die Besucherin schien fest entschlossen.
“Ja, er ist taub - auch gut - wir werden wir uns schon verständigen.
Sie nahm die Leine und machte sie an meinem Halsband fest. Und dann ging ich mit ihr ein Stück durch Wald und Heide, umgeben von herbfrischer Frühjahrsluft. Ich weiß nicht, wie lange wir spazieren gingen. Das Laufen fiel mir gewiss nicht leicht, trotzdem war dies der schönste Spaziergang meines Lebens. Leider endete er wieder im Zwinger auf dem Tierheimgelände. Hätte ich mir denken können. Wer will schon einen alten Hund?
Aber schon nach ein paar Tagen kam sie wieder.
“So, den will ich haben”, sagte sie fest entschlossen. Die Umstehenden schüttelten verständnislos den Kopf.
Lediglich der Tierheimleiter befürwortete: “Wenn Sie ihn haben wollen, dann ist das okay. Der Rolf hat es verdient.”
Ein letzter Spaziergang, bevor ich für immer das Tierheim verließ. Diesmal ging Tierschützerin Bärbel mit. Und da passierte etwas Unvorhergesehenes. Meine Beine ließen mich m Stich. Ich lag auf dem Boden und fühlte mich einige Minuten lang hundeelend. Kurz darauf lag ich beim Heimtierarzt auf dem Behandlungstisch. Ausgerechnet jetzt, wo ich doch fast schon ein neues Zuhause gefunden hätte. Der Tierarzt weigerte sich entschieden: “Wenn der Hund so klapprig ist, kann er nicht vermittelt werden.” Meine Gebrechlichkeit konnte ich nicht leugnen. Und die hatte nun auch noch der Tierarzt bestätigt. Also doch zurück in den Zwinger?
Ganz sicher hätte ich dort den Rest meines Lebens verbracht, wenn Tierheimleiter Frank H. nicht für mich eine Lanze gebrochen hätte.
“Noch entscheide ich. Wenn Frau L. den Hund haben will, dann kriegt sie ihn auch.” Wusste er doch, dass ich in gute Hände geriet.
Ja, es war wirklich ein Glückstreffer - ich kam zu einem neuen Menschen, der ein großes Herz für Tiere besaß. Wie sonst hätte er mich altes, gebrechliches und gehörloses Wesen mitgenommen?
Eine Autotür öffnete sich, und ich nahm auf der hinteren Bank Platz. Ich sah aus dem Seitenfenster. Bäume und Büsche huschten nur so an mir vorbei. Es war aufregend. Meine anfängliche Schwäche war wie weggeblasen.
Der Wagen hielt in einer Siedlung, umgeben von Botanik. Für einen Hunde-Altersruhesitz genau das Richtige.
Frauchen schloss die Haustür auf, und ich zog erst einmal den Duft ihrer Wohnung in mich hinein. In der Küche stand eine Schüssel mit frischem Wasser .Ich stieg mit beiden Vorderpfoten in das kühle Nass und nahm ein paar kräftige Schlucke aus der Hundebar. “Wenn Herz und Schnauze sich laben, müssen die Pfoten auch was haben. Ja, alter Junge, hier gefällt´ s dir.” Ich war zuhause. Gleich nebenan stand die Couch, weich und bequem. Ich hob das Bein und habe gleich mein Anrecht darauf dokumentiert. Jetzt gehört die Couch mir. An diesem 18. April 2000 - der Dienstag vor Ostern - kehrte der Frühling in mein Leben. Und sicher auch bei meinem neuen Frauchen.
© Ursula Menzel -
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