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Der Zahntechniker

Es ist nicht so einfach wie man denkt, sich an die „Dritten“ zu gewöhnen. Wer eine Zahnprothese trägt, kann ein Lied davon singen. Elise S war Newcomer im Club der Gebißträger. Die leidigen Zahnschmerzen und die Sitzungen in der Sprechstunde des Zahnarztes sollten endlich der Vergangenheit angehören.
„Sieht das nicht wunderbar aus?“ fragte Doktor Ullrich, indem er seiner Patientin den Handspiegel reichte. Ja, Frau S. konnte wieder lachen und alles schien in bester Ordnung.
Doch schon nach wenigen Tagen schmerzte der Kiefer. Die neue Prothese hatte so ihre Tücken. Druckstellen seien in den ersten Wochen ganz normal beruhigte der Zahnarzt seine Patientin. Die könne man beheben, und Frau S. dürfe sooft seine Praxis besuchen, bis sie keinen Druckschmerz mehr spüre. Mit häufigen Zahnarztbesuchen hatte Elise S. wirklich nicht gerechnet. Und noch etwas Unangenehmes entdeckte die Mittsechzigerin. Jeden Morgen, wenn sie sich zu ihrem Mann an den Frühstücktisch setzte, fiel ihr ein:„ Ach ja, meine Prothese. Sie liegt im Schlafzimmer auf dem Nachttisch.“ Wie konnte sie diese vergessen! Man muß sich an das Neue erst gewöhnen. Da die Rentnerin seit einiger Zeit unter Artrose litt, wurde für sie das Treppensteigen von Mal zu Mal beschwerlicher, denn das Schlafzimmer lag in der oberen Etage ihres Einfamilienhauses.
Das Dilemma hatte schon eine ganze Weile ihr Mischlinsrüde Blacky beobachtet. Eines Morgens kam Blacky die Treppe herunter. Er trug etwas im Maul, was er seinem Frauchen behutsam vor die Füße legte. Dabei blickte er lustig aus seinen kohlrabenschwarzen Augen, die vom schwarz gelockten Fell fast überwuchert waren an, als wollte er sagen: „Sieh mal, ich habe dir etwas mitgebracht.“
Elise S. streichelte lobend ihren treuen Vierbeiner, und als sie das kleine Etwas aufhob, hielt sie verwundernd, und von der hilfreichen Tat ihres Hundes sichtlich betroffen, ihre Zahnprothese in der Hand. Jetzt traten Scheuer- und Desinfektionsmittel ins Aktion, bevor Elise nicht ganz ohne Unbehagen ihre Prothese in den Mund steckte.
Wann immer Frauchen ihr Kauwerkzeug vergaß, Blacky brachte es an den Frühstückstisch. Merkwürdiger Weise hatte Frau S. von Stund‘ an mit ihren neuen „Dritten“ keine Probleme mehr, was ihr den Gang zum Zahnarzt erfreulicher Weise ersparte. Daß Blacky aber die Prothese vorher mit seinen Zähnen „fachmännisch“ bearbeitet hatte, blieb vorerst ein Geheimnis.
Wieder einmal war der Frühstückstisch gedeckt. Es duftete nach Kaffee und fischen Brötchen. Und wieder fiel es Elise siedendheiß ein: „Ach ja...“ Im selben Augenblick kam Blacky herein, aber diesmal trug er nicht wie gewohnt die Zahnprothese in der Schnauze. Er setzte sich neben sein Frauchen und sah es verschmitzt an.
„Dann muß ich sie mir wohl selber holen“, sagte die Rentnerin und stieg langsam die Treppe zum Schlafzimmer hinauf. Aber ihre „Dritten“ lagen nicht auf ihrem Nachttisch, wobei sie hätte schwören können, daß sie diese gestern abend dort abgelegt hatte. Nun wurde das Schlafzimmer – nein, das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Jede Ecke, jeder Winkel wurde durchsucht. Irgendwo im Hause mußte sie doch sein! Aber die Zahnprothese blieb verschwunden.
Der Weg zum Zahnarzt und die Bekenntnis, daß ihr Zahnersatz unwiederbringlich verloren war, war für Elise S. eine deprimierende Angelegenheit, begleitet von einem gewissen Schuldgefühl. Wieder wurde ein Abdruck gemacht und Frau S. bekam ihre zweiten „Dritten“ und eine gepfefferte Rechnung dazu. Neue Anpassungsschwierigkeiten mußten überwunden werden. Seitdem bewahrte die Rentnerin ihre Zahnprothese in einem verschlossenen Behälter im Schrank auf. Einen solchen Verlust konnte sie sich nicht noch einmal leisten.

Der Winter ging vorüber. Das Frühjahr lockte das Rentnerehepaar wieder in den Garten. Elise harkte das Beet, welches ihr Mann für die neue Bepflanzung umgegraben hatte. Plötzlich entdeckte sie etwas Merkwürdiges. Es war ein Stück aus hellrosa Material, lehmverkrustet mit weißer Kante. Frau Schmidt hob es auf, und als sie die Erde entfernt hatte, erkannte sie ihre alten „Dritten“, die ihr Hund sorgfältig im Garten „aufbewahrt“ hatte.

 

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Kommentar von: almebo 2010-08-30 09:36
Ich hatte zunächst statt Gebissträger... Gebirgsjäger gelesen und hatte sofort an ein Kriegserlebnis gedacht. Aber eine gewisse Ähnlichkeit durch das Treppensteigen war vorhanden. Schallend gelacht!! Lg Alfred
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Kommentar von: Moni 2010-08-30 10:19
Jetzt musste ich aber auch schmunzeln. Du hast einen sehr schönen Schreibstil. Gruß Moni
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Kommentar von: Dave 2011-01-18 23:19
Ich muß wirklich sagen, das mich diese Geschichte sehr zum lachen gebracht hat. Hauptsächlich die Stelle an der das Desinfektionssp ray zum Einsatz kommt. Ich bin gespannt auf die anderen Story´s, wenn die genau so lustig sind, muß ich mir in Zukunft ein paar Taschentücher zum lesen mitnehmen!! lacher*
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Kommentar von: Angelina 2011-01-19 08:21
Eine superlustige Geschichte, gern gelesen. LG Angie
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