Zottel - geliebter Chaot
Erlebnisreiche Nacht
Die junge Frau nahm Zombi an die Leine, schloss leise die Haustür hintert sich und ging mit ihm in die Nacht hinaus. Ihr knallrot gefärbes Haar und die Pircings an Augenbrauen, Lipppen und Nase leuchteten matt im Licht des Vollmondes. Wie geistesabwesend ging sie auf einen Baum am Straßenrand zu. Gerade wollte sie Zombi dort anbinden, als sie eine Stimme hinter sich hörte: „Warum tun sie das?“
Von der fremden Person überrascht, antwortete die junge Frau: „Ich darf den Hund nicht behalten.“ War es der Dank seiner Menschen und die einzige Möglichkeit ihn loszuwerden, indem sie ihren Hausgenossen mitten in der Nacht auf menschenleerer Straße irgendwo an einen Baum banden? Tagsüber hätte diese Aktion sicher Aufsehen erregt, und das wollte die junge Frau unter allen Umständen vermeiden. Dabei hatte sich der Picard doch seinen Menschen angepasst, selbst dann wenn es oft chaotisch zuging. Zombi fand immer einen Weg seinen Bedürfnissen nach zu kommen, wenn seine Menschen mal wieder wie im Rausch in der Wohnung lagen und die Wasserschüssel leer war. Dann trank er eben das Wasser aus dem Toilettenbecken. Wie oft hatte er seine Menschen in die Einkaufsstraße begleitet, stundenlang neben ihnen auf einer Decke gelegen, wenn sie die vorübergehenden Passanten um Geld für Futter baten. Nun aber durfte er nicht mehr bei ihnen bleiben. Warum nicht? Wie soll ein Hund das verstehen? So war es reiner Zufall, dass um Mitternacht noch jemand unterwegs war, der sich des Ausgesetzten annahm. Petra Franklin war schon zu Bett gegangen, als am späten Abend das Telefon läutete. Am anderen Ende hörte sie die leise Stimme ihrer Nichte.
„Entschuldige, dass ich so spät anrufe, ich habe auf dem Heimweg einen Hund aufgelesen. Was soll ich nur mit ihm machen? Wohin mit ihm?“ „Bring ihn her“, sagte Petra noch halb verschlafen und legte den Hörer auf. Es war gegen ein Uhr, als es dann an ihrer Haustür läutete. Draußen stand Andrea und neben ihr ein schwarz-graues Fell, auf vier Beinen, recht zottelig und ein wenig verwahrlost, wie es schien. „Das ist Zombi, ich habe ihn aus einer Punkfamilie gerettet. Die Frau, die ihn gerade an einen Baum binden wollte, stand, so schien es mir, unter Drogen.“Andrea wusste, dass ihre Tante für Tiere in Not eine Art Erste-Hilfe-Station war. Hunde, Katzen, Vögel und Kleintiere – krank und ausgestoßen - hatte sie gesund gepflegt und vor dem „Aus“ gerettet! Einige von ihnen konnte sie in gute Hände vermitteln, Wildtiere nach ihrer Genesung auswildern, doch einige Hunde und Katzen haben bei ihr für immer ein Zuhause gefunden. Und nun stand wieder so ein „Lazarus“ in ihrer Wohnung, der jaulend und bellend wie ein Irrer und völlig überdreht durch alle Zimmer rannte. Zu guter Letzt sprang er mit allen vier Pfoten auf das Bett, wo er sich ausgiebig seiner Notdurft entleerte. Petra saß wie angewurzelt da, und starrte den Neuling an, dem es anscheinend nichts ausmachte, ihr Nachtlager als Bedürfnisanstalt zu benutzen. Für den Hund mochte es vielleicht eine saubere Sache gewesen sein, für die Tierschützerin aber, entsetzlich. In ihrer zwanzigjährigen Hundehaltung hatte sie so etwas noch nicht erlebt. Das Bett war klatschnass, und Petra musste etliche Decken zusammen suchen, damit sie noch ein einigermaßen trockenes Plätzchen in ihrem Bett ergatterte. Ihre Nachtruhe war dahin!
Zu der Zeit hatte sie vier Beagle aus dem Labor, bei denen sie mit viel Mühe und Geduld versuchte, Ängste und auffällige Verhaltensweisen abzubauen. Darüber hinaus zog sie noch etliche neugeborene Katzen mit der Flasche groß. Und jetzt auch noch dieser Zombi – langsam reichte es! Nebenbei gesagt, nannte sie ihn später „Zottel“. Der Name Zombi klang abstoßend, so fand sie, obwohl er zu seinem wirren Charakter gepasst hätte. Aber „Zottel“ hörte sich besser an, und so heißt ihr Hund heute noch. „Nein Petra“, sagte sie sich, „den Chaoten behältst du nicht einen Tag.“ Immerhin hatte sie ja noch die anderen Tiere. „Was zu viel ist, ist zu viel!“Wem aber sollte sie das „Ungetüm“ geben? Der rettende Gedanke war die SOS-Hundehilfe. Gleich am nächsten Tag rief sie dort an.
„Wir sind völlig überfüllt“, hörte sie eine Frauenstimme in der Muschel, „unmöglich weitere Tiere aufzunehmen.“ Die Hoffnung auf eine schnelle Vermittlung war gleich null. Was also sollte sie machen? Ins Tierheim wollte sie ihn nicht gleich geben. So behielt sie ihn erst einmal. „Irgendwie werden wir beide schon eine gemeinsame Sprache finden“, dachte sie.
Der Neuling beäugte seine „Gastgeberin“ zunächst misstrauisch und hielt einen gewissen Sicherheitsabstand. Lag es nun an seinem Charakter oder an seiner Vergangenheit, die ihr, bis auf die dürftige Aussage ihrer Nichte, weitgehend im Verborgenen geblieben war? In der Hundehaltung hatte Petra über viele Jahre eine Menge Erfahrung gesammelt. Dennoch brachte seine Eigenwilligkeit sie manchmal an den Rand der Verzweiflung. Er war alles in allem ein Raubein, stürmisch, unkontrolliert. Tat er draußen so, als wollte er jeden Artgenossen zerfleischen, versetzte es seine Fürsorgerin immer wieder in Erstaunen, wie liebevoll er mit ihren Beagles umging. Auch sie waren ja als ehemalige Labor-Versuchshunde geschädigt. So chaotisch sich Zottel aufführte, so strahlten doch seine Augen etwas Gütiges und Liebevolles aus. Ja, es war der Spiegel seiner Seele, der aus dem struppigen Fell einen gewissen Charme hervor brachte, der letztendlich seiner Pflegemutter faszinierte. Mochte unter der rauen Schale doch ein liebenswerter Kern stecken?
Annäherung in kleinen Schritten
Erst langsam lernte Petra ihren Schützling besser kennen und erfuhr etwas über seine Rasse. Er war ein Picard – ein französischer Hirtenhund. So waren sein Aussehen, seine stürmische Art, seine Eigenwilligkeit, aber auch seine beschützenden Eigenschaften typische Merkmale seiner Gattung. Das zeigte sich darin, wie liebevoll er auf die Katzenbabys aufpasste, sie beisammen hielt, damit keines verloren ging. Alle Kätzchen wuchsen und gediehen. Nun wollten sie ihre Umgebung entdecken und machten sich in der Wohnung auf eigene Pfade. Für Zottel muss diese Zeit ein Horror gewesen sein. Er, der immer die Kätzchen beisammen hielt, rannte nun hinter jedem Einzelnen her, holte es zurück und legte es behutsam in die Sofaecke, aber schon war das nächste Kätzchen ausgerückt. Armer Zottel, er konnte es nicht fassen, dass Katzen sich nicht so hüten lassen wie Schafe oder Kühe. Warum rückten sie immer wieder aus? Den Zottel hat dies eine Menge Nerven gekostet, bis er schließlich einsah: „Hier kann ich nichts mehr halten.“ Wenn Petra zu ihrer Gartenlaube fuhr, nahm sie Zottel mit. Fern ab vom Großstadtlärm durfte er sich nach Herzenzlust austoben. Die grüne Oase erwies sich als Balsam für sein angeschlagenes Seelenleben. Dass Petra Franklin ihren Tieren immer reichlich frisches Wasser bereit stellte, brauche ich eigentlich nicht erwähnen. Jedoch fiel es auf, dass Zottel mitunter das Toilettenbecken als Tränke benutzte, wenn er sich in dessen Nähe befand. Das hatte sie bisher bei keinem ihrer Hunde festgestellt. Ein anderes Mal, sie war mit der Arbeit am Gartenhäuschen beschäftigt, schüttete sie sich während einer kleinen Pause ein Glas Bier ein. Ein paar Schlucke zur Stärkung; danach stellte sie das Glas ab und widmete sich wieder ihrer Arbeit. Als sie nach einer Weile erneut nach dem Bierglas greifen wollte, war es leer. „Nanu“, dachte sie verwundert, „du hattest doch nicht das ganze Glas leer getrunken.“ Nicht weiter darüber nachdenkend, goss sie das Glas wieder voll und nippte erneut dran. Und wieder war das Glas nach einer Weile leer. „Wer trinkt denn da heimlich mein Bier?“ frachte sie sich erstaunt. Als sie ein drittes Mal das Glas füllte, beobachtete sie hinter der Tür, was nun mit dem Bier passierte. Und richtig, sobald sie das volle Glas abgestellt hatte, kam Zottel und trank es leer. Ein Hund, der nacheinander drei Gläser Bier leert und dabei nicht einmal wankt - das hatte sie noch nie erlebt.
Der Schwanenretter
So chaotisch sich Zottel anfangs gab, so hatten seine Wachsamkeit und sein Schutztrieb seinen neuen Menschen beeindruckt. Das zeigte sich an jenem Frühlingstag, als Petra ihr Gartenhäuschen herrichtete. Das kleine Grundstück liegt ein paar Schritte weit vom Teltowkanal entfernt. Mit der Renovierung hatte sie sich eine Menge Arbeit aufgeladen, jedoch, wenn alles fertig ist, ist es für sie und ihre Tiere eine Oase – ein Stück Natur inmitten der Großstadt. Bis dahin aber wurde gehämmert und gesägt. Bretter mussten zurechtgeschnitten und in die dafür vorgesehenen Stellen eingesetzt werden. Damit die Nachbarn nicht vom Lärm gestört wurden, schloss die Laubenbesitzerin Türen und Fenster. Die Musik aus dem Kofferradio trat in Konkurrenz mit dem Lärm der Motorsäge. Zottel lag eingerollt in einer Ecke und schlief. „Dass ein Hund bei dem Radau so tief schlafen kann!“ wunderte sich Petra. Ihrem Hund jedoch, schien das nichts auszumachen.Plötzlich sprang Zottel auf, bellte, kratze an der Tür. Als Frauchen verwundert aufblickte, kam der Hund auf sie zu, stupste sie kräftig und rannte gleich wieder zur Tür. Irgendetwas muss er wahrgenommen haben. Neugierig öffnete sie und schaute nach. Draußen war alles still. Nichts deutete auf ein Ereignis hin. So schloss sie die Tür wieder und widmete sich ihrer handwerklichen Beschäftigung. Zottel aber gab nicht nach. Wieder rannte er zum Ausgang, bellte unaufhörlich und konnte sich nicht mehr beruhigen. Was hatte der Hund wohl draußen vernommen? Als Frauchen noch einmal die Tür öffnete, rannte Zottel zum Gartentor. Durch die Hecke schimmerte etwas großes weißes, das im ersten Moment nicht zu erkennen war. Erst als die Laubenbesitzerin das Gartentor öffnete, sah sie einen Schwan auf dem Weg kauern. Schnell holte sie ein Stück Brot, das sie für ihre gefiederten Freunde immer vorrätig hat, und hielt es ihm entgegen. Der Schwan nahm es, spie es aber gleich wieder aus.
„Merkwürdig“, dachte sie und sah sich den Vogel näher an. An seiner Brust entdeckte sie Blutspuren. Aus ihrer langjährigen Erfahrung wusste die Tierschützerin, wie sie mit kranken Tieren umgehen musste. So trug sie den verletzten Schwan in ihren Schuppen, wo er sich erst einmal von dem Schock erholen konnte. Danach alarmierte sie die Feuerwehr. Als diese nach kurzer Zeit eintraf, lag der Schwan bereits in einer Blutlache. Die Sanitäter setzten den gefiederten Patienten in eine Tiertransportbox und brachten ihn in die Tierkliniken Berlin-Friedrichfelde, wo er tierärztlich versorgt wurde. Der Grund der starken Blutung war eine abgerissene Kralle. Irgendwo musste der große weiße Vogel sich verletzt haben. Nach einer Woche Klinikaufenthalt war der Schwan wieder genesen und konnte in die Berliner Gewässer entlassen werden. Hätte Zottel nicht so ein Theater gemacht, wer weiß, ob der Schwan die Verletzung überlebt hätte. Ja, der Zottel! So wild und stürmisch er sein kann, entdeckte doch Petra an ihm so viele gute Eigenschaften, dass sie ihrem Schützling für immer ein Zuhause gab.
Vielen Dank für die gute Zeit, die wir beim "gegenseitig-Vo rlesen" erleben durften - wir freuen uns auf all die anderen Werke! *Hutzieh*
lG Andrea & Marco